Unter den Kellern ist der Strand

Vorstoß ins Unbekannte: Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft Höhle und Karst und Höhlentaucher Andreas Kücha dringen tief ins drittgrößte deutsche Karsthöhlensystem bei Schmalfelden vor.

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Im gemütlichen Pfarrdorf Schmalfelden, nicht weit von Schrozberg, gibt es für Fremde nur ein Abenteuer zu bestehen: Eine „Benoggl-Partie“ mit den einheimischen Profis beim „Ochsenwirt“, so heißt es. Das gilt aber nur, solange man die Oberfläche nicht verlässt. Denn unter Teilen des Dorfs und seiner Umgebung erstreckt sich die drittgrößte Karsthöhle Deutschlands, das „Fuchslabyrinth“. Gute zwölf Kilometer sind bislang erforscht. Ein Ende ist noch nicht in Sicht. Am vergangenen Freitag wagte die Arbeitsgemeinschaft (Arge) Höhle und Karst aus Stuttgart erstmals einen aufwendigen Tauchvorstoß zur weiteren Erkundung. Es war eine akribisch vorbereitete Expedition, ein Abenteuer, das sich fast unbemerkt tief unter Schmalfelden abspielte.

Die Höhlenforscher drangen in den vergangenen Jahren immer weiter in das Höhlensystem vor. Richtung Südosten führte sie ein unterirdischer Fluss bis an die Kreisstraße von Schmalfelden nach Naicha heran. Dort bildete sich 2015 unter der Straße ein Erdfall (unser Blatt berichtete). Dort war aber auch vorläufig Schluss. Sie stießen auf einen „Siphon“, einen völlig mit Wasser gefüllten Gang, der nur mit Tauchausrüstung zu befahren ist.

Es gelang ihnen, Andreas Kücha für den Tauchgang zu gewinnen. Kücha ist einer der renommiertesten und erfahrensten Höhlentaucher und Speläologen Deutschlands. Ihn, der aus Giengen an der Brenz stammt und sich deshalb seinen Namen vor allem in den Höhlen der Schwäbischen Alb gemacht hat, für das Projekt zu gewinnen, kann die Arge als Erfolg verbuchen.

Am vergangenen Freitag, morgens um halb neun, war es so weit. Mehrere Monate Vorbereitung hatte es gebraucht, um die Expedition zu ermöglichen. Eine Höhlenbefahrung lässt sich in diesem Umfang am ehesten mit einer Expedition in unbekannte Gebirgsregionen vergleichen. Auch in der Höhle müssen Depots mit Pressluftflaschen, Neoprenanzügen, Bleigewichten und anderen Ausrüstungsteilen angelegt werden. Sogar ein Biwak für eine unvorhergesehene Übernachtung wurde vorbereitet. Also schleppten Mitglieder der Arge Höhle und Karst schon vor Monaten, was gebraucht wurde, in 20-Liter-Plastiktonnen durch die engen Gänge, in denen man sich überwiegend kriechend fortbewegt. Jeweils gut zwei Stunden – einfacher Weg – drückten, schoben und zogen sie das Gepäck durch die engen Schluchten und Klüfte. Die Schmalfeldener merkten davon nichts. Alles spielte sich sechs bis 14 Meter unter ihren Kellern ab. Und ob die Höhlenforscher auf ihrem Weg vom Einstieg nahe des aufgelassenen Steinbruchs bis zum Startpunkt der Expedition unter der Lorenzkirche schwitzten, schnauften oder fluchten, das blieb in der Tiefe. Im Karst unweit der Kirche beginnt der „Strand“, der Wasserlauf. Aber noch füllt das Wasser nicht den Gang. Erst ein ganzes Stück weiter südlich beginnt der „Siphon“, der immer vollständig geflutete Abschnitt.

Dort, Stunden vom Eingang entfernt, startet die eigentliche Expedition. Mit Atemgerät, Scheinwerfer und großer Vorsicht begann Andreas Kücha seinen Tauchgang. Schließlich war er der erste Mensch, der sich in das Unbekannte wagte. An der Oberfläche ist von dem Wagnis nichts zu merken. Auf der Straße nach Naicha, dort etwa befindet sich der Siphon, rollen unbeeindruckt die Autos. Einige Meter weiter unten stößt Kücha auf Probleme. Das Sediment, die Schlammteilchen, die er in dem engen und flachen Rohr (nicht viel weiter als eine Abflussröhre) aufwirbelt, werden nicht weiter geschwemmt. Schon nach kurzer Zeit ist die Sicht so eingeschränkt wie in einer Nebelnacht. Nichts ist mehr zu erkennen. Es bräuchte mehr Strömung, aber heute fehlt der Zufluss.

Nach 30 Metern taucht er auf in einer größeren, lufterfüllten Kammer. Er ist der erste Mensch überhaupt an dieser Stelle. Auch hier: null Sicht. Es völlig unmöglich herauszufinden, wo der Gang weiterführt. Also bricht er ab, doch er wird wiederkommen. Am besten nach einem ablaufenden Hochwasser, dann sollte die Strömung reichen. Kurz nach fünf am Freitagnachmittag klettern alle wieder ans Tageslicht – lehmverschmiert, müde, ausgepowert. Teile der Ausrüstung bleiben unten deponiert, für den nächsten Anlauf.

Was die Höhlenforscher der Arge Höhle und Karst antreibt, ist nicht die reine Abenteuerlust. Es ist ein wissenschaftlicher Auftrag, dem sie sich selbst stellen. Höhlenforschung leistet einen wichtigen Beitrag zum Verständnis von Landschaft, Geologie und Wasserwegen. Und ihre Erkenntnisse können auch praktischer Natur sein, wenn der Verlauf der Gänge und Klüfte zum Beispiel Bauvorhaben beeinflusst. Aber natürlich reizt es auch, dorthin vorzudringen, wo vor ihnen noch nie ein Mensch war. Wo gibt es das sonst schon?

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