Über Funktion lässt sich nicht streiten

Die Ausstellung "Beispielhaftes Bauen im Landkreis Schwäbisch Hall" ist derzeit in den Crailsheimer Rathaus-Arkaden zu sehen. Das HT unterhielt sich mit dem Architekten Dr. Alexander Beck.

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  • Seit wenigen Tagen wird in den Rathaus-Arkaden während der normalen Öffnungszeiten die Ausstellung "Beispielhaftes Bauen im Landkreis Schwäbisch Hall" gezeigt. Darunter finden sich auch sechs von der Jury ausgezeichnete Bauobjekte im Raum Crailsheim: der Rathausneubau Crailsheim, der Kindergarten am Pamiersring, ein Wohnhaus an den Hecken, der Satteldorfer Friedhof, das Ortszentrum in Leuzendorf und die Ilshofener Stadthalle. Foto: Mathias Bartels 1/2
    Seit wenigen Tagen wird in den Rathaus-Arkaden während der normalen Öffnungszeiten die Ausstellung "Beispielhaftes Bauen im Landkreis Schwäbisch Hall" gezeigt. Darunter finden sich auch sechs von der Jury ausgezeichnete Bauobjekte im Raum Crailsheim: der Rathausneubau Crailsheim, der Kindergarten am Pamiersring, ein Wohnhaus an den Hecken, der Satteldorfer Friedhof, das Ortszentrum in Leuzendorf und die Ilshofener Stadthalle. Foto: Mathias Bartels
  • Dr. Alexander Beck aus Blaufelden ist Vorsitzender der Architektenkammer im Landkreis. Foto: M. Bartels 2/2
    Dr. Alexander Beck aus Blaufelden ist Vorsitzender der Architektenkammer im Landkreis. Foto: M. Bartels
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Welchen Zweck verfolgt die Architekturausstellung? Als Vorsitzender der Architektenkammer im Kreis müssten Sie das doch wissen. . .

DR. ALEXANDER BECK: Bewusst soll mit den Ergebnissen des Kreisentscheids Beispielgebendes aus der Architektur gezeigt werden, nicht Alltägliches. Die Jury-Ergebnisse dürfen Anstoß erregen, sie sollen kantig sein. Das Alltägliche wird herausgefiltert und ersetzt durch das, was in die Zukunft weisen könnte. Ich kenne das Risiko, dass später das eine oder andere durchaus aussortiert werden muss, weil es keinen Bestand hat.

Bürstet die Jury bewusst gegen den Strich?

BECK: Die Juroren greifen gern Dinge auf, die nicht in jedem Wohnbaugebiet üblich, sondern das Besondere sind. Wie gesagt: Beispielgebend soll es sein. Reizvoll ist, dass das überhaupt erkannt wird. Danach erst kann es darum gehen, tatsächlich gebaute Architektur anders zu gestalten.

Wird "das Andere" für den potenziellen Bauherren nicht automatisch teurer?

BECK: Nein. Aber "das Andere" kostet auf jeden Fall mehr Zeit. Leider bringen viele Bauherren viel zu viel Zeit mit schlechter Architektur zu. Die wenigsten kümmern sich wirklich um das, was sie brauchen. Sie sind auf der Suche nach dem "richtigen" Anbieter, auch wenn der nur ein Angebot von der Stange präsentiert. Viele Bauwillige rennen von einem Festpreis-Standardhaus-Anbieter zum nächsten, statt mit einem Architekten etwas wirklich Wertiges zu entwickeln und zu gestalten. Kurz: Gute Architektur kostet nicht wirklich mehr Geld, sondern es muss anders investiert werden, in Gedanken, in eine Idee, in Zeit.

Gehört nicht doch noch mehr dazu, etwa die Kenntnis, was das Wesen von Architektur ausmacht?

BECK: Der Bauherr muss bereit sein, über seinen Schatten zu springen, sich selbst zu reflektieren. Es geht nicht darum, mal eben schnell einen Grundriss aus der Schublade zu ziehen und die Fassade aufzuzeichnen. Man muss sich klar werden, wie man künftig leben will. Das ist oft ein schwieriger, manchmal gar ein schmerzlicher Prozess.

Steht dem nicht die manchmal einschüchternde Fachkenntnis des Architekten als Experten gegenüber?

BECK: Der Architekt ist erst mal ein Dienstleister. Bei ihm kann ich mich als Bauherr outen, kann sagen, was ich will, was mir gefällt und was nicht. Und ich kann begründen, warum mir etwas nicht gefällt. Allein das führt meist zu besseren Ergebnissen. Und zu mehr Zufriedenheit, denn jeder weiß dann, warum sein neues Haus so da steht.

Gibt es nicht - leider - zu viele simple und schlechte Vorbilder?

BECK: Die Konformität in Neubaugebieten ist wirklich tragisch. Damit maße ich mir kein Urteil über gut oder schlecht an. Ich merke nur, dass bei vielen Objekten nicht nur die Form schlecht ist, sondern dass man für dasselbe Geld weit funktionaler hätte bauen können, angemessener. Wenn erst ein schlechter Grundriss steht, gibt es meist kein Zurück mehr. Solch ein Haus taugt nicht mal als Immobilie etwas, weil eben nicht das richtige Haus auf dem richtigen Grundstück steht. Das ist schade und gefährdet sogar direkt die Wertanlage an sich.

Ist vieles nicht aber auch tatsächlich eine Geschmacksfrage?

BECK: Natürlich. Doch Geschmack kann und darf sich ändern. Gestaltung ist immer die eine Seite der Medaille, die Funktionalität die andere. Heute sieht bei uns fast alles gleich aus. Das ist akzeptabel, wenn alles gut aussehen würde, aber meist werden viele funktionale Möglichkeiten nicht optimal ausgeschöpft. Über Geschmack lässt sich streiten, über Funktion nicht!

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