Stirbt Landpfarrer langsam aus?

Siegfried Jahn lebt und arbeitet sehr gerne auf dem Land - ganz im Gegensatz zu vielen anderen Pfarrern. Die Folge: Es wird zunehmend schwieriger, selbst die immer weniger werdenden Stellen zu besetzen.

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Stirbt der Landpfarrer langsam aus? Diese (überspitzte) Frage stellt sich angesichts der aktuellen Situation und der sich abzeichnenden Entwicklung im Bereich der Evangelischen Landeskirche. Er wird natürlich nicht aussterben, "aber wir müssen jetzt ganz dringend etwas tun, um Pfarrer aufs Land zu locken", macht der Blaufelder Dekan Siegfried Jahn deutlich, "und diesen Beruf attraktiv machen", ergänzt er. Er beschreibt damit die Hauptprobleme, die nicht nur ihm Kopfzerbrechen bereiten: Immer weniger Pfarrer zieht es aufs Land, immer weniger ergreifen diesen Beruf, immer mehr gehen in den Ruhestand und es gibt immer weniger Gemeindeglieder.

Wenn am morgigen Sonntag der Amlishagener Pfarrer Ernst Beißwanger verabschiedet wird, wird in dieser Kirchengemeinde ein neues Kapitel aufgeschlagen, so wie es vorher schon in vielen anderen Orten geschehen ist und künftig noch geschehen wird. Zwar wird für Amlishagen und Michelbach/Heide eine bewegliche Pfarrstelle eingerichtet, die allerdings auf drei Jahre begrenzt ist. Danach wird Amlishagen zur Kirchengemeinde Gerabronn und Michelbach zu Dünsbach-Ruppertshofen kommen.

Noch hat der Oberkirchenrat die bewegliche Pfarrstelle nicht besetzt, sicher ist jedoch, dass der/die Amtsinhaber/in auch mit dem Projekt "Veränderungsprozess in den Kirchengemeinden auf dem Land" betraut wird. Eine wichtige Rolle dürfte dabei der Pfarrplan spielen, der alle sechs Jahre überarbeitet und neu aufgestellt wird. Alles andere als ein einfaches Unternehmen, weil der Plan mit der Zusammenfassung von Stellen und Kirchengemeinden verbunden ist. "Würden wir das nicht tun", macht Dekan Jahn deutlich, "hätten wir in wenigen Jahren eine Menge Stellen, für die es aber keine Pfarrer mehr geben wird." Der Grund: Es fehlt an Nachwuchs, so kann der Weggang der Pensionäre bei Weitem nicht ausgeglichen werden.

Der demografische Wandel schlägt also auch in der Kirchenarbeit und Seelsorge voll durch - auch was die Zahl der Gemeindeglieder angeht. Bis 2030 wird mit einem Rückgang um 20 Prozent gerechnet, was wiederum Auswirkungen auf die Kirchensteuer haben wird, mit der die Pfarrstellen finanziert werden. "Das wird nicht ohne Schmerzen gehen", war Dekan Jahn schon bei den Vorbereitungen des bis 2018 geltenden Pfarrplans klar: Die Stellen wurden um 2,75 auf 19,25 reduziert. Das bedeutet: 19 Pfarrer/innen versorgen 38 unterschiedlich große Kirchengemeinden mit rund 20.000 Gliedern. Damit vergrößert sich nicht nur das Arbeitspensum, "sondern müssen auch Strukturen verändert werden", blickt der Dekan in die Zukunft. Mehr denn je sei der ehrenamtliche Einsatz, die Gemeinschaft und das Zusammenwirken gefragt. Ein Pfarrer könne sich nicht mehr um jede Aufgabe und jedes Detail kümmern und müsse auch selbst den Mut haben, Grenzen zu ziehen und dies deutlich zu machen.

"Wir haben ein unglaublich großes und starkes ehrenamtliches Engagement", freut sich der Dekan über die breite Unterstützung, weshalb er auch zuversichtlich in die Zukunft blickt. Für eine gute und sichere Zukunft sei es auch wichtig, "dass die Kirchengemeinden die Kräfte bündeln, sich austauschen und die Aufgaben teilen". Siegfried Jahn sieht viele Ansatzpunkte dafür, dass die gute und fruchtbare Kirchenarbeit in den Landgemeinden fortgesetzt werden kann. Hierfür sei aber auch ein Umdenken der Verantwortlichen in Kirche und Politik und vor allem eine verstärkte finanzielle Unterstützung notwendig. In diese Forderung bezieht er insbesondere die Arbeit im Bereich der Diakonie ein, die auf dem Land unter völlig anderen, sprich erschwerteren Bedingungen ihre Aufgaben erfülle als in der Stadt.

43 Kirchen sowie 57 Pfarr- und Gemeindehäuser gehören zur "Gebäudelast" im Dekanat Blaufelden, weit mehr als in den meisten Stadtgebieten. Der Dekan ist voll des Lobes und der Anerkennung über die Unterstützung und Identifikation der Landbevölkerung mit der Kirche, was er auch mit dem "enorm hohen" freiwilligen Gemeindebeitrag unterstreicht, der unter anderem für die Gebäude verwendet wird. Doch wie sieht die Finanzierung in Zukunft aus, wenn die Zahl der Gemeindeglieder weiter zurückgegangen ist? "Hier wird sich die Landeskirche etwas einfallen lassen müssen." Und wie können Pfarrer aufs Land gelockt werden? Vielleicht auch damit, denkt der Dekan laut nach, dass sie von vorneherein eine Gehaltszulage erhalten und schneller aufgestuft werden. "Und wir müssen deutlich machen, wie schön und lohnenswert das Leben auf dem Land ist", sagt Dekan Jahn mit einem Strahlen im Gesicht.

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