Stadtfeiertag Kirchberg wieder Erlebnis der besonderen Art

Wenn sich in Kirchberg die Gräfin und der Bischof die Ehre geben, wenn Händler ihre Waren anbieten und Spielleute unterwegs sind, wenn Most und Vieh prämiert werden, dann ist Stadtfeiertag.

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Welch Ambiente und Atmosphäre, Spektakel und Vergnügen! Welch Angebot und Auswahl, Händler und Besucher! Welch Darbietungen und Unterhaltung, welche Speisen und Getränke! Und: Welche Kälte an diesem Stadtfeiertagswochenende, dessen Besuch wieder einmal ein Erlebnis der besonderen Art ist. Dafür Anerkennung, Respekt, Dank und Glückwunsch an die Stadtverwaltung, die Organisatoren, die Mitwirkenden vor und hinter den Kulissen.

Es fallen feine Schneeflocken vom Himmel und es ist eisig kalt, als am Samstagmorgen das Rad der Zeit zurückgedreht wird und das Mittelalter erwacht. Es ist nicht das finstere, sondern das schöne, bunte und auch erheiternde Mittelalter, in der sich auch Stefan Ohr als erster Mann des Magistrats zurückversetzen lässt. Er befindet sich im erlauchten Kreis der aufgehübschten Gräfin Amalia Kraft zu Hohenlohe und dem deutlich verdatterten Bischof Andreas und dem weniger erlauchten Kreis von Gauklern und Spielleuten.

Weil es bei Strafe verboten ist, an diesen Tagen ein schlechtes Gesicht zu machen, strahlen die (zu diesem Zeitpunkt noch wenigen) Besucher. Die können sich (im Gegensatz zu heute) darauf verlassen, dass Qualität, Maß und Gewicht bei den ihnen gereichten Speisen eingehalten werden, droht den Herstellern ansonsten der Pranger. Diese Gefahr droht weder den Landfrauen Lendsiedel, die wohlschmeckende Kutteln, zuckersüße gebackene Stadtmäuse und deftige Schmalzbrote anbieten, noch dem Naturschutzbund, bei dem Most (fast) ohne Ende probiert wird. 75 Mal heben die Fachmänner das Glas, riechen, schmecken, gurgeln, schlucken und gelangen zu der Erkenntnis, dass Siegfried Ehrmann aus Gerabronn den ersten, Karlheinz Schürger aus Ettenhausen den zweiten und Wilfried Brenner aus Triftshausen den dritten Preis verdient.

Und auch daneben wird prämiert: 29 Rinder, von denen der Betrieb Thomas Heilmann aus Schrozberg allein zwölf auftreibt. Auch hier bewerten fachkundige Männer und Frauen und küren Tiere von Walter Lober aus Sigisweiler und Hermann GbR aus Blaubach zu den Siegern. Rinder von Thomas Heilmann aus Schrozberg und Kuppler GbR werden Reservesieger. Und wer hat beim Kälbervorführwettbewerb die Nase vorn? Julia Heilmann, Felix Hannemann und Paul Sperr vor Rahel Schmidt, Karina Gronbach und Lena Lober.

Derweil kehrt Leben in die mittelalterliche Stadt und in das im Hofgarten aufgeschlagene Lager ein. Man fühlt sich mittendrin in dieser Zeit, in der Bernsteinschleifer und Papierschöpfer ihrer Arbeit nachgehen, der Schmied grobes Material zu feinem Schmuck verarbeitet, Zinn gegossen und Körbe geflochten werden, mit dem Bogen und der Armbrust geschossen, das Karussell von Hand betrieben und die Tasche von Hand gefilzt wird.

Es ist eine ungewohnte, eine schöne und wohltuende Atmosphäre, die bei diesem Markt verbreitet wird. Hier fädelt die eine eine Kette auf, dort erklärt der andere die Unterschiede von Fellen. Hier erklingt Musik, dort lauschen Kinder einer Märchenerzählerin. "Die Menschen wollen den Alltag vergessen, aus der Wirklichkeit flüchten und in eine andere Welt eintauchen", begründet Anja Kärcher die deutliche Zunahme von mittelalterlichen Märkten. Sie sieht in dieser Entwicklung eine Chance, gleichzeitig aber auch die Gefahr, "dass man den Bezug zur Realität verliert." Die Germanistik- und Theologiestudentin aus Heidelberg ist selbst aktiv dabei, bietet verschiedene Filzwaren an, "total tolle" Wolldecken, Strümpfe, Umhänge, Hausschuhe, alles unbehandelt, naturbelassen und pflegeleicht. Es ist nicht ihr eigener Stand, doch die Arbeit macht ihr Riesenspaß. Und sie lobt Christian Moll aus Rot am See für "die hervorragende Organisation" in Kirchberg. Es gäbe auch ganz andere Märkte, bemerkt sie.

Auf vielen Märkten sind Michael Bartel aus Niedernhall und Kevin Frank aus Künzelsau unterwegs. Einzelhandelskaufmann Bartel hat "einfach einen Spleen fürs Mittelalter", gesteht er, und in Kirchberg eine Dänenaxt erworben. Als Wikinger schlendert Student Frank durch das Lager im Hofgarten. "Vielleicht ist es die Einfachheit", versucht er eine Erklärung für sein Interesse am mittelalterlichen Leben zu finden. Er gewandet sich gerne, ist aber nicht "wie viele andere", wie er betont, auf Authentizität versessen. Er hat eine guten Schneider gefunden, der zu einem guten Preise eine gute Arbeit macht, ist er mit seinem Gewand rundum zufrieden.

Er begegnet an diesem Tag noch vielen Menschen aus dem Mittelalter, lässt sich gerne in diese Zeit zurückversetzen, so wie die (nicht gewandeten) Besucher dieser wieder einmal rundum gelungenen Veranstaltung auch. Vielleicht schlüpft der eine oder andere beim Stadtfeiertag im nächsten Jahr auch in eine andere Rolle und lässt damit das Mittelalter erwachen.

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