Sexuelle Akzeptanz: Schule als Ort der Toleranz

Bildungspläne: Wie soll über sexuelle Akzeptanz im Unterricht gesprochen werden? Eltern, Lehrer, Schüler, Politiker und Kirchenleute diskutieren.

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Der Entwurf des Bildungsplans 2015 wird auch in Hohenlohe kontrovers diskutiert. Die Forderung nach Akzeptanz sexueller Vielfalt wird unterschrieben. Kritiker bemängeln aber eine rot-grüne Erziehungsideologie.

Während der ehemalige Fußballnationalspieler Thomas Hitzlsperger für sein Coming-out gefeiert wird, wird im Land über den Umgang mit sexueller Vielfalt im Unterricht diskutiert. Mit einer Online-Petition wollen tausende Bürger verhindern, dass Homosexualität, Transsexualität, Bisexualität und andere Lebensformen künftig ausführlicher im Unterricht behandelt werden. Sie sprechen von einer "Ideologie des Regenbogens". Die Pläne zielten "auf eine pädagogische, moralische und ideologische Umerziehung an den allgemeinbildenden Schulen".

Auslöser für die Debatte sind die Bildungspläne, die ab 2015 gelten sollen. Kultusminister Andreas Stoch erklärte am Sonntag beim Neujahrsempfang der Schrozberger SPD, dass die Bildungspläne kontinuierlich fortgeschrieben werden. Der letzte Bildungsplan stamme von 2004. Inzwischen habe sich viel verändert, sagte er und hob demonstrativ ein internetfähiges Handy in die Höhe. In der Medienbildung der Schüler müssten solche Entwicklungen berücksichtigt werden, die Bildungspläne entsprechend fortgeschrieben. Eines der Ziele sei auch, die Schulen zu einem "Ort der Toleranz" zu machen. Dazu zähle auch die Toleranz gegenüber der unterschiedlichen sexuellen Orientierung. Homosexuelle Lehrer und Schüler, so Stoch, sollen nicht das Gefühl haben, sich verstecken zu müssen. Er hält die Diskussion für aufgebauscht. "Da frierts einen", sagt er angesichts der Behauptungen, Homosexualität sei eine heilbare Krankheit.

Uta Hiller, Elternvertreterin am Haller Gymnasium bei St. Michael, schreibt in einem Leserbrief an diese Zeitung, dass ihrer Ansicht nach mit dem neuen Bildungsplan das Thema sexuelle Akzeptanz im Unterricht ein zu großes Gewicht bekommt. "Unsere Kinder sind in ihrem persönlichen Umfeld tagtäglich mit Patchwork-Familien, Ein-Eltern-Beziehungen und anderen Lebensformen in Kontakt und haben in der Regel keine Probleme mit deren Akzeptanz und Wertschätzung. Bedarf es da einer besonderen Nachhilfe? Oder soll über Toleranz eine scheinbare Wahlmöglichkeit der geschlechtlichen Identität suggeriert werden?"
 

"Schwul" ist ein Schimpfwort auf dem Schulhof

Andreas Knecht (17) geht auf das Albert-Schweitzer-Gymnasium in Crailsheim. Der Schülersprecher sagt: "Auf unserem Schulhof ist "schwul" immer noch ein Schimpfwort. Aber warum ist das so? Für Kinder ist es nicht normal, homosexuelle Paare zu sehen - seien diese weiblich oder männlich." Nach Ansicht von Knecht zeigt das, dass Menschen, die nicht heterosexuell sind, nicht anerkannt sind. "Dies ist nicht zu rechtfertigen. Deshalb ist es nur richtig, Kinder auch über andere sexuellen Orientierungen aufzuklären. Denn nur wer sich damit beschäftigt, kann auch offen damit umgehen." Eine Gefährdung sieht Knecht nicht. " Man wird nicht zu einer anderen sexuellen Orientierung erzogen, sondern man erfährt nur etwas über alle Möglichkeiten." Knecht sieht eine solche Wissens- und Wertevermittlung als Beitrag gegen Diskriminierung.

Wolfgang Gold, Kreisvorsitzender der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, sagt: "In jeder Klasse sind statistisch gesehen zwei Schüler schwul oder lesbisch. Jedes Kind hat das Recht, in der Schule bei der Identitätsfindung unterstützt zu werden. Erst das Wissen um verschiedene sexuelle Orientierungen und Identitäten ermöglicht allen Schülerinnen und Schülern die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und Selbstbestimmung." Es gehe nicht um eine sexualpädagogische Umerziehung, sondern um die Ergänzung der Aspekte Familie, Eltern und Ehe.

Wenige Lehrer outen sich

Elke Gärtner, Lehrerin an der Haller Thomas-Schweicker-Hauptschule, ist Sprecherin der Bundes-arbeitsgemeinschaft der LSBTTI (lesbisch, schwul, bisexuell, transsexuell, transgender und intersexuell). Sie sagt: "Wir haben ein sehr rigides geschlechtsangepasstes Verhalten an Schulen." Nur wenige Lehrer outeten sich, für Schüler sei es noch schwieriger - diese wollten keine Außenseiter sein. Die Vielfalt der sexuellen Orientierung werde im Unterricht bisher nicht thematisiert, die traditionellen Rollenbilder unreflektiert weiter gereicht. Gärtner: "Auch gegen Diskriminierung wird nicht wirklich vorgegangen. Dabei ist die Suizidrate bei homosexuellen Jugendlichen fast doppelt so hoch wie bei heterosexuellen. Im Unterricht werde das Thema meist nur im Sexualkundeunterricht behandelt, dabei gehe es um mehr als um Wissensvermittlung. Auch in der Lehrerausbildung habe das Thema sexuelle Vielfalt kaum Raum. Sie wünscht sich, dass konsequenter gegen Diskriminierung vorgegangen wird, damit Kinder und Jugendliche den Freiraum haben, sich für ihre sexuelle Identität zu entscheiden, egal wie sie ausfällt.

Toleranz im Bildungsplan?

Andrea Bleher ist siebenfache Mutter und Mitglied der Landessynode für die konservative Gruppe Lebendige Gemeinde. Die Untermünkheimerin wirft der Landesregierung vor: "Die Leitprinzipien greifen weit in die Erziehungskompetenz der Eltern ein. Außerdem wird davon ausgegangen, dass Sexualität nicht angelegt ist, sondern ein Konstrukt darstellt, das sich im Lauf der Jahre entwickelt und verändern kann." Diese Vorstellung stellt sie in Frage. Zudem betont Bleher: "Toleranz einzuüben ist eine Kompetenz und sollte als solche im Bildungsplan verankert sein."

Dekan Siegfried Jahn, Blaufelden, verweist auf die gemeinsame Erklärung der Kirchen. Toleranz als Wert müsse vermittelt werden, sagt er, Menschen dürften nicht diskriminiert werden. Allerdings dürfte nicht zu kurz kommen, dass auch die Werte der Ehe und Familie in den Schulen vermittelt werden.

Der Crailsheimer CDU-Landtagsabgeordnete Helmut Rüeck betont, schon jetzt werde an Schulen Achtung, Respekt und Toleranz gegenüber anderen vermittelt. "Sexuelle Orientierung und Identität im Unterricht vorurteilsfrei zu thematisieren, halte ich für wichtig. Was Grün/Rot jetzt plant, ist aber pure Ideologie", sagt er. "Die Kritik daran kommt aus der Mitte der Gesellschaft. Auch wenn ich nicht jeden Punkt der Petition zu 100 Prozent teile, halte ich sie für richtig."

Bullinger bei Christopher-Street-Day

"Meine Frau und ich sind 35 Jahre glücklich verheiratet und haben drei Kinder groß gezogen", sagt der FDP-Landtagsabgeordnete Friedrich Bullinger aus Rot am See. "Für uns ist die Familie das Leitbild." Alternative Lebensformen akzeptiere er - er habe auch schon am Christopher-Street-Day in Stuttgart teilgenommen. Die FDP respektiere und fördere alternative Lebensweise "in ähnlicher Weise" wie die Familien, nicht aber "in gleicher Weise".

"Ich verstehe die Formulierung so, dass sie eine Klarstellung des Wertekanons ist", sagt der Haller SPD-Landtagsabgeordnete Nikolaos Sakellariou. Eine Schulgemeinschaft dürfe keinen wegen seiner Herkunft, seiner Religion oder seiner Hautfarbe ausgrenzen und auch nicht wegen seiner sexuellen Orientierung. "Ich kann mir nichts Christlicheres vorstellen als jemanden so anzunehmen, wie er oder sie ist." Die Jusos aus dem Kreis Hall-Hohenlohe kritisieren die Petition: "Wenn wir unseren Kindern Toleranz, Weltoffenheit und Verständnis beibringen und vorleben wollen, können wir diese Themen nicht aus der Schule heraushalten", sagt Juso-Kreisvorsitzender Christian Gaus.

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