Seine Waffe ist der Kugelschreiber

Ahmad Salih, 32 Jahre alt, arbeitete vor seiner Flucht als Journalist – im Irak. Seit Ende 2015 ist er in Deutschland, auch hier holt ihn die Vergangenheit ein.

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  • „Als Journalist bleibt einem nichts anderes übrig als zu schreiben“, sagt Ahmad ­Salih. Am liebsten würde er wieder in diesem Beruf arbeiten. 1/2
    „Als Journalist bleibt einem nichts anderes übrig als zu schreiben“, sagt Ahmad ­Salih. Am liebsten würde er wieder in diesem Beruf arbeiten. Foto: 
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    Wenn sein Deutsch nicht ausreicht, hilft Salih schon mal die Übersetzungs-App. Foto: 
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Das ist die Geschichte von Ahmad Salih. Sie handelt von einem mutigen Mann aus Machmur im Irak. Machmur ist eine Stadt mit 24 000 Einwohnern, in der hauptsächlich Kurden leben. Sie liegt südwestlich von Erbil, der Hauptstadt der autonomen Region Kurdistan. Bis nach Mossul, wo irakische Streitkräfte sich seit Monaten einen erbitterten Kampf mit der Extremistenmiliz „Islamischer Staat“ (IS) liefern, sind es 70 Kilometer.

In Machmur arbeitete der Kurde Ahmad Salih als Journalist für eine Zeitung, die den Namen der Stadt stolz auf dem Titel trägt. Er ging den Dingen auf den Grund, deckte Missstände auf, brachte Mängel ans Licht. „Ich habe nicht mit Waffen gegen die Regierung gekämpft, ich habe nur mit meinem Kuli gekämpft“, so sagt es Ahmad Salih, und: „Wenn man so viel Korruption und Ungerechtigkeit sieht, bleibt einem als Journalist nichts anderes übrig als zu schreiben.“ Seine Waffe war der Kugelschreiber. Das, was Ahmad Salih machte, gefiel natürlich nicht allen. Er bekam Anrufe und Drohungen, darunter welche vom IS. „Sie wollten mich umbringen“, sagt er, „mich und meine Frau und die Kinder.“ Und so ist die Geschichte von Ahmad Salih, heute 32 Jahre alt, auch die Geschichte von seiner Frau Saadiya, ebenfalls 32, und seinen Kindern Wlat, 12, und Lana, 9.

Als der IS kam, waren sie nicht da

Ahmad Salih schrieb nicht nur Artikel für die Zeitung, sondern auch ein Buch über Machmur. „Darin habe ich auch erwähnt, was der IS unserer Stadt angetan hat und was im Namen des Islam passiert ist.“ Nach der Veröffentlichung sei nicht nur die Gefahr durch den IS größer geworden, sagt Ahmad Salih, sondern auch „Mullahs und ganz normale religiöse Menschen“ seien der Meinung gewesen, er habe den Islam beschmutzt. In den Moscheen hätten sie dazu aufgerufen, „Menschen wie mich zu bestrafen“. Aus Angst, man könne ihnen etwas antun, schlief die Familie häufig nicht in ihrem Haus in einem Dorf in der Nähe von Machmur. Einmal sei sogar der IS vorbeigekommen, berichteten Nachbarn. Und wo war die Familie? Zum Glück nicht da.

 „Ich habe in der Zeitung auch Artikel über korrupte Politiker geschrieben und verlangt, dass sie aufhören, die Menschen zu entführen und zu unterdrücken“, betont Ahmad Salih. „Als Journalist, der keiner Partei angehört, hat man keine Möglichkeit, frei zu schreiben. Viele Journalisten, die über Korruption berichtet oder die Regierenden kritisiert haben, sind umgebracht oder gefoltert worden.“ Das Problem sei nicht nur der IS. „Im Irak ist alles Mafia“, fügt Ahmad Salih hinzu.

Die Zensur kam früher von Regierungsseite und ist mittlerweile der Selbstzensur gewichen. Viele kämpfende Gruppierungen drohen Journalisten Gewalt an, falls diese Kritik üben. Ahmad Salih hat das selber zu spüren bekommen, und er kennt Kollegen, die das nicht überlebt haben. Der Irak gehört erneut zu den gefährlichsten Ländern, wie die Bilanz 2016 von  „Reporter ohne Grenzen“ zeigt, rangiert mit sieben getöteten Journalisten gleich hinter Syrien (19), Afghanistan (10) und Mexiko (9). Zwar sank die Zahl weltweit von 101 im Jahr 2015 auf 74 im Jahr 2016. Aber dies liege vor allem daran, erklärte die Organisation, dass immer mehr Journalisten aus Konfliktländern fliehen würden, weil die Arbeit zu gefährlich wurde.

Ahmad Salih wollte mit seinem Namen nicht irgendwann auch in dieser Liste auftauchen. Er nahm all das Ersparte, seine Frau verkaufte ihren Goldschmuck – und die Familie setzte sich in den Flieger von Erbil nach Istanbul. Der Fluchtgedanke war nicht neu, aber er wurde durch die Entscheidung von Bundeskanzlerin Angela Merkel, die im September 2015 die Grenzen für Flüchtlinge öffnete, bestärkt. Im Irak hieß es, Deutschland nehme alle auf.

Die Reise kostete sie 13.000 US-Dollar

Von Istanbul ging es mit dem Bus nach Izmir, von dort in einem Schlauchboot auf eine griechische Insel und weiter mit einer Fähre nach Athen. Dann mit dem Bus über Mazedonien, Serbien, Kroatien, Slowenien und Österreich nach Deutschland. Dort kam die Familie am 3. Dezember 2015 an. Die ganze Reise kostete sie rund 13 000 US-Dollar. Am 23. Februar 2016 stellten sie die Asylanträge. Die Anhörungen fanden am 3. November 2016 in Karlsruhe statt. Mit Datum vom 27. Februar dieses Jahres erging nun folgende Entscheidung im Verfahren von Ahmad Salih: „Die Voraussetzungen für die Zuerkennung der Flüchtlingseigenschaft liegen vor“, schreibt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Und: „Es ist davon auszugehen, dass die Furcht der Antragsteller begründet ist.“ Die Kinder laufen unter seinem Aktenzeichen, muss man dazu wissen, Ahmads Frau Saadiya wartet allerdings noch auf ihren Bescheid.

Ahmad Salih hat bis Ende Februar nachts kaum geschlafen. Sein Kopf spielte verrückt. Was ist, wenn sie alle wieder zurück müssen? Nun gibt es Entwarnung – sehr zur Freude einiger Ehrenamtlicher. Eine Flüchtlingshelferin  weinte, als sie von seiner Anerkennung erfuhr, eine andere brachte Sekt zum Anstoßen mit. Ahmad Salih sieht man die Erleichterung an, sie ist auch beim Zigarettenkonsum spürbar. Er trägt gerne Hemden, an diesem Tag ein Polohemd, dazu Jeans und Sandalen. Und Dreitagebart. Seine Haare sehen aus, als ob er frisch aus der Dusche kommt. Wet-Look nennt sich das. Im Mai fängt ein Deutschkurs an, die Motivation ist groß. Am liebsten würde er irgendwann wieder als Journalist arbeiten. Die Jobs bei einer Lebensmittelfirma und in einem Imbiss in Crailsheim haben ihm nicht gefallen. Er hat es halt eher mit Worten.

Sein Deutsch ist seit dem ersten Treffen im Sommer vergangenen Jahres besser geworden. Damals wohnte die Familie noch in Oberspeltach. Dort blieb sie lediglich zwei Monate, was wohl auch damit zu tun hat: Ahmad Salihs Frau und die Frau einer anderen irakischen Familie, mit der sie das Dachgeschoss teilten, hatten sich regelmäßig in den Haaren. Auf der einen Seite lag das am unterschiedlichen Musikgeschmack und am unterschiedlichen Sauberkeitsempfinden in gemeinsam genutzten Räumen. Auf der anderen Seite ging es bei Fragen des Glaubens und des Lebens in Deutschland und im Irak unter Ex-Diktator Saddam Hussein weitaus weniger oberflächlich zu – „unglückliche Konstellation“ sagen die, die mit beiden Familien zu tun haben. Die Situation eskalierte, als der Mann der anderen Frau Ahmad Salihs Frau krankenhausreif prügelte. Die Staatsanwaltschaft Ellwangen stellte die Ermittlungen ein. Es liege eine „Aussage-gegen-Aussage-Konstellation“ vor.

Seit September wohnt Ahmad Salih mit seiner Familie in der Flüchtlingsunterkunft in der Friedrich-Heyking-Straße in  Crailsheim. Vier Leute, ein Zimmer, ein Doppelbett, ein Sofa, ein Tisch, vier Stühle, ein Kühlschrank, ein Gefrierschrank und ein paar Metallschränke. Küche und Bad teilen sie sich mit anderen. Die Qualität des Schlafs hängt jede Nacht davon ab, ob und wie oft der Rauchmelder Fehlalarm schlägt, weil wieder irgendeiner meint, er müsse sich im Haus eine Zigarette anzünden. Natürlich will Ahmad Salih mit seiner Familie da raus, sie suchen gerade eine eigene Wohnung, drei Zimmer wären schön, aber dass das nicht so einfach ist, weiß jeder, der gerade eine Wohnung in Crailsheim sucht.

In ihrem Zimmer in der Friedrich-Heyking-Straße steht der Tisch an diesem späten Dienstagnachmittag voller irakisch-kurdischer Köstlichkeiten. Zeit fürs Abendessen, die Familie legt Wert auf gutes und reichhaltiges Essen. Draußen am Fenster drücken sich oft andere Bewohner die Nase platt. Privatsphäre: schwierig. Das ist der Nachteil vom Erdgeschoss, also besser Rolladen runter. Das Paprika-Hähnchen wird übrigens mit der Hand und Löffel und Gabel gegessen. Messer? Fehlanzeige in der Gemeinschaftsküche.

Nach dem Essen legen sich die Kinder aufs Sofa und Bett, spielen mit Tablet und Handy herum, schreiben Nachrichten. Sie haben viele Freunde in der Schule, erzählt Wlat Salih. Aber es gebe auch Mitschüler, die sie beleidigen würden, weil sie Flüchtlinge seien. Seine Schwester Lana möchte später mal studieren, Ärztin werden. „Ich möchte Deutschland helfen“, sagt sie.

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