Schwarze Krieger tauchen aus dem Nichts auf

Die Jungfrau von Orleans ist auf Einladung der Theatergemeinde Gerabronn nach Hohenlohe gekommen. Die Gerabronner sahen ein lautes und schnelles Stück, dessen Bilder lange im Gedächtnis bleiben.

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Ist die "Jungfrau von Orleans" ein leises Stück? Nein. Schon Friedrich Schiller hat das "romantische Drama" waffenklirrend und aktionsgeladen konzipiert. Er hat bewusst die "heilige Jungfrau" als wild tötende Amazone dargestellt, geschichtsfälschend missachtend, dass "Jeanne dArc" zwar zum Schwert gegriffen, wohl aber nie getötet hat.

Doch muss das patriotische Hirtenmädchen einen solchen Sendungs-Furor, muss es eine solche Raserei entwickeln? Muss Johanna so laut und blutüberströmt sein, wie sie in Gerabronn zu sehen war? Andere Frage: Was will Theater überhaupt? Den Schiller originalgetreu zeigen? Langweilig und unnötig! Bei gefühlten vier Stunden Originallänge geht das heute gar nicht mehr. Deshalb ist es auch in Ordnung, das Stück radikal zu kürzen, die Quintessenz herauszuarbeiten.

Aber so? Ist die "Jungfrau von Orleans" nichts als Kampf und Schweiß? Nichts als schwarze Krieger, die aus dem Nichts auf der schwarzen, kulissenlosen Bühne auftauchen? Weiß geschminkt mit blutunterlaufenen Augen? Gibt es im Stück nichts als einen wirren König (Frank Ehrhardt), eine durchgeknallte Isabeau (Nadine Ehrenreich), die als Wittelsbacher Prinzessin sogar bayerisch schwadronieren muss? Und nichts als eine rasende Johanna (fesselnd: Beatrice Boca)? Selbst liebend ist sie schrankenlos: Was bei Schiller nur ein langer Blick ist - und schon war es um Johanna geschehen - ist in der Esslinger Inszenierung ein Liebesakt, bei dem sich Johanna mit Lionel halbnackt auf dem Boden wälzt. Zwischentöne? Fehlanzeige.

Verantwortlich für diese Sicht auf Johanna ist der Regisseur Alejandro Quintana, der zuletzt Schillers "Kabale und Liebe" an der Landesbühne inszeniert hat. Er zeigt Johanna als Getriebene, als eine an sich selbst Gescheiterte.

Entsprechend trostlos ist auch das (kulissenlose) Bühnenbild, die statische Personenführung und die Ausstattung fast ausschließlich in schwarz, weiß und blutrot. Unheilvoll und bedrückend, wie es Krieg, wie es religiöser Wahn eben ist. Es sind diese Bilder, die bleiben. Und deshalb hat sich der Theaterbesuch in Gerabronn gelohnt. Allen Furors zum Trotz.

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