Schwäbisch Hall, Schwäbisch Gmünd und Kirchberg im Fernsehen

Es ist die erste deutsche Verfilmung eines Werks von Hermann Hesse: Die ARD zeigt am Mittwoch "Die Heimkehr". Gedreht wurde der Film teilweise in Schwäbisch Hall, Kirchberg und Schwäbisch Gmünd.

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Der von weither angereiste Herr im eleganten hellen Anzug schnuppert an alten Dielen einer Treppe in seinem schwäbischen Geburtsstädtchen. Tief saugt er ihren Duft ein. "So riecht nur Heimat", murmelt der Mann (August Zirner), der mit Nickelbrille im feinen Gesicht und akkurat gescheiteltem Haar an Hermann Hesse (1877-1962) erinnert. Zum 50. Todesjahr des Literaturnobelpreisträgers ("Der Steppenwolf") hat Top-Regisseur Jo Baier ("Stauffenberg") nach dessen autobiografisch geprägter Novelle "Die Heimkehr" (1909) mit Zirner und Heike Makatsch in den Hauptrollen die erste deutsche Verfilmung eines Hesse-Stoffs überhaupt geschaffen - zu sehen an diesem Mittwoch (20.15 Uhr) in der ARD.

Gedreht wurde der Film im vergangen Sommer unter anderem im Freilandmuseum Wackershofen oder in Kirchberg und Schwäbisch Gmünd. In matten Farben fingen die Kameras (verantwortlich: Wedigo von Schultzendorff) sorgfältig die Fachwerkidylle in Schwäbisch-Gmünd und Schwäbisch-Hall ein. Die Mitarbeiter der Ausstattungsabteilung waren Ende August und Anfang September 2011 in der Region unterwegs, um die Gebäude rein äußerlich zurück ins 19. Jahrhundert zu versetzen. Dazu wurden beispielsweise Regenrinnen gestrichen, Graffiti und Schmierereien entfernt oder Fensterkreuzattrappen in Komplettglasfenster geklebt.

In "Die Heimkehr" geht es um den oft lebenslangen Kampf um Identität und Heimat - Hesses Dauerthema. Ein im Ausland zu Wohlstand gekommener Kaufmann kehrt zurück zu seinen Wurzeln, um dort neu zu beginnen. Nach bösen Ereignissen in der bigotten Provinzgesellschaft muss dieser August Staudenmeyer jedoch erkennen, dass seine wahre Heimat woanders liegt - in ihm selbst und in seiner zarten Liebe zur stolzen, angefeindeten Außenseiterin Katharina Entriß (Makatsch). Baier, der auch das Drehbuch schrieb für die Arbeit der Bavaria-Fernsehproduktion im Auftrag von SWR, Degeto, BR und ORF, verwendet in seinem historisch detailliert, oft düsteren, langsam und verinnerlicht erzählten Film außerdem Figuren und Skizzen aus weiteren Texten des Schriftstellers.

Um den ist es stiller geworden in den vergangenen Jahrzehnten. Zuvor hatten Wellen kultischer Verehrung Hesses - etwa durch die westliche Jugend in den 60er und 70er Jahren - abgewechselt mit einer Schmähung seiner Bücher als "Kitsch". Die Zeit sei reif für eine Wiederentdeckung, befand Grimme-Preisträger Baier fast leidenschaftlich bei einer Voraufführung in Hamburg. "Hesses bedingungsloser Nonkonformismus hat an Aktualität nichts verloren", erklärte der 62-Jährige, der sich als einstiger typisch jugendlicher Hesse-Leser outete. "Jeder sollte doch sein Leben nach eigenen Vorstellungen leben, sich nicht zu viel von Anderen beeinflussen lassen. In unserer Zeit der Beeinflussung durch Medien, Materialismus und Konsumismus wird das immer schwieriger."

Die Enge eines Bürgertums, das dem Einzelnen, wenn er anders - eben einfach nur er selbst - sein will, die Luft zum Atmen abschnürt, zelebriert Baier mit noch weiteren prominenten Darstellern. Herbert Knaup als geld- und sexgieriger Bürgermeister, Oliver Stokowski als erfolgloser Künstlerfreund Augusts oder auch Bühnenstar Annette Paulmann als geisteskrankes Mündel Katharinas bieten denkwürdige Charakterstudien.

Verhalten Mut machender Kern der Geschichte ist jedoch die Annäherung der beiden Individualisten, die ihre Seele nicht verkaufen wollen und dafür bereit sind, Nachteile für sich in der Gesellschaft zu dulden. «Heimkommen wollte ich. Mit dir bin ich überall daheim», sagt gegen Schluss August zu Katharina. Gemeinsam fahren sie mit der Eisenbahn in eine größere Stadt - zur Neugründung ihrer Existenz. Zuschauer, die geduldig ihrem inneren Ringen gefolgt sind, dürfen sich bereichert fühlen. Störend wirkt nur allzu viel musikalische Untermalung - wozu am Ende sogar der Song «The River» des bekennenden Hesse-Verehrers Udo Lindenberg gehört. Wer mehr über den Dichter wissen möchte, erfährt es im «Ersten» gleich nach dem Film um 21.45 Uhr in Andreas Ammers Dokumenation «Hermann Hesse Superstar».

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