Schnecken in der Wanne

1963 reiste Brigitte Koch (66) zum ersten Mal nach Frankreich. Der Hohenloher Turngau rief zur Kriegsgräberpflege auf. Sie fuhr nach St. Privat bei Metz und lernte dort ihre neue Freundin Nicole kennen.

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Brigitte Koch (links) besucht Nicole Georges im Jahr 1966 in Frankreich.

Im Fotoalbum sind junge Leute zu sehen, alles Sportler der TSG Hall und in sommerlicher Kleidung. Mit zerzausten Haaren und Spaten in der Hand bringen sie verwahrloste Gräber deutscher Gefallener in einen würdevollen Zustand. Um die Bilder stehen in kindlicher, sorgfältiger Schrift die Erlebnisse beschrieben. "Es war eine abenteuerliche Zeit", erinnert sich Brigitte Koch aus Obersontheim gerne. Man schlief in Zelten und in einem alten Schulgebäude. In der Nachbarschaft wohnte Nicole Georges. "Die Franzosen waren sehr nett zu uns. Sie halfen sogar mit bei der Gräberpflege. Und ein alter Mann bekochte uns reichlich." Als sie damals abreisten, beschlossen die Mädchen, sich zu schreiben. Brigitte Koch sprach kaum Französisch aber ihre französische Freundin lernte in der Schule gerade Deutsch. "Ich war ganz erstaunt. Die lasen sogar Gedichte von Heine", staunt Brigitte Koch.

Rosa und hellblaue Briefe gingen seither regelmäßig über die Grenze. In einem Brief von 1966 steht in schöner, ordentlicher Schrift: "Ich freue mich immer wenn ein Brief von dir kommst. Brigitte, wenn du fortgefahren bist, du hast deinen Kleid vergessen. Sagt mir, was ich muss machen. Das Kleid dir schicken oder kommst du einmal mit Gerhard?"

Zwei Jahre nach dem Kennenlernen besuchte Brigitte mit ihrem damaligen Freund und heutigen Mann Gerhard Koch ihre Freundin Nicole in Frankreich. Nach der Ankunft wurde gleich das Essen aufgetischt. "Es gab Baguette und gefüllte Tomaten. Ich war schon satt, aber das war erst die Vorspeise. Ich wusste nicht, dass man an einem Abend so viel essen kann." Und Brigitte Koch erinnert sich an ihre ersten Schnecken: "Die lagen noch lebend in der Badewanne." Damals ekelte sie sich, aber heute gehört es zu ihrem Lieblingsessen. Wie so viele Dinge, die sie seither schätzt. "Unsere Freundschaft hat eine Art Grundstein für meine Liebe zu Frankreich gelegt", erklärt Brigitte Koch. Sie fährt oft ins Nachbarland. Alle paar Jahre führt es sie auch zu ihrer Freundin, die mittlerweile in der Champagne wohnt.

Inzwischen schreiben sie keine Briefe mehr, höchstens noch Postkarten aus dem Urlaub. Die Freundinnen sind in den 90er Jahren auf E-Mails umgestiegen - "Nicole schickt auch gerne Päckchen. Das macht sie so schön!"

Ihre deutsche Familie sei um einiges reisefreudiger als die Franzosen. Diese hätten es erst einmal, im Jahre 1992 zu einem Besuch geschafft. Die Kochs lebten damals bei Frankfurt. 2013 ist es nun soweit: Das Ehepaar Georges kommt nach Hall und Obersontheim. Vom 14. bis 19. März werden sie hier sein. Was Brigitte Koch ihren Gästen zeigen wird, steht noch nicht fest. Auf dem Plan steht ein Besuch in Stuttgart auf dem Fernsehturm, im Friedrichsbau - und ausgiebiges Bummeln durch Hall und die Museen. "Vielleicht gehen wir auch nach Wackershofen ins Freilichtmuseum, und mal in eine Besenwirtschaft, weil Patrick, der Mann von Nicole, ein Weinliebhaber ist." Und beim Essen? Das gibts sowohl gemütlich zuhause - "klar, Spätzle und Maultaschen werde ich da auch integrieren" - als auch mal im Restaurant, damit die Gäste die deutsche Gastronomie kosten können.

Schon ein halbes Jahrhundert währt die Freundschaft von Brigitte Koch und Nicole Georges. Genauso lange wie die offizielle deutsch-französische Verbindung, die am 22. Januar 1963 von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer per Elysée-Vertrag besiegelt wurde.

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