Pflege: Betreuung in den eigenen vier Wänden

Viele Senioren wollen ihr eigenes Heim nicht verlassen, auch wenn sie im Alltag Hilfe brauchen. Eine Betreuerin aus dem EU-Ausland kann dafür eine Lösung sein.

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Eine Betreuerin hilft einem Senior, zu Hause zurechtzukommen, obwohl er auf den Rollstuhl angewiesen ist.  Foto: 

So sieht es vielerorts in Hohenlohe aus: Das eigene Häuschen wurde in den 1950er- oder 1960er-Jahren mit den eigenen Händen gebaut. Im Erdgeschoss sind Wohnzimmer,
Esszimmer und Küche, oben Schlaf- und Kinderzimmer und das Bad. Im Keller steht nicht nur die Waschmaschine, sondern dort lagern auch Getränke und Einmachgläser. Nicht eben barrierefrei. Dazu kommt der große Garten, der einst dafür ausgelegt war, Kartoffeln, Zwiebeln und Kohl anzupflanzen.

Jetzt sind seit dem Bau des Hauses 50, 60 Jahre vergangen, die Kinder sind ausgezogen, manche sind weit weg. Die damaligen Bauherren sind alt und brauchen Hilfe, um Haus und Garten zu versorgen und um nach oben ins Schlafzimmer und ins Bad zu kommen. Aber sie sind fest verwurzelt im Eigenheim und wollen es keinesfalls verlassen.

Für solche Fälle gibt es Pflegedienste, Haushaltshilfen, Gärtner, Essen auf Rädern und Besuchsdienste. Oder es gibt die Möglichkeit, dafür zu sorgen, dass Tag und Nacht jemand mit im Haus ist – genug Zimmer sind ja da.

Der Landfrauen-Verein Uttenhofen hat Andreas Lippert eingeladen, einen Vortrag zum Thema „Osteuropäische Betreuungskräfte“ zu halten. Lippert ist ein Experte – aber kein unabhängiger. Die Unterlagen, die er den etwa 40 Zuhörern meist mittleren Alters verteilt, tragen das Signet der Heilbronner Vermittlungsagentur für polnische Betreuungskräfte, deren Geschäftsführer er ist. So ist es kein Wunder, dass er im Laufe des Abends hin und wieder die Einschätzung einfließen lassen wird, dass man von seiner Agentur besser betreut werde als von anderen, billigeren.

Trotzdem, wer kritisch zuhört und die Spreu der Werbung vom Weizen der Information trennt, kann viel Hilfreiches mit nach Hause nehmen. Lippert ist es vor allem wichtig, die Zuhörer auch für die Belange der Betreuerinnen – Betreuer gibt es auch, stellt er fest – zu sensibilisieren. „Ich sage frei nach Max Frisch: ,Wir rufen Arbeitskräfte und es kommen Menschen.’ Sie müssen dafür sorgen, dass die Betreuungskraft sich bei Ihnen wohl fühlt, nur dann wird sie wiederkommen.“

Denn das System ist so: Die Betreuerinnen wohnen mit im Haushalt der hilfsbedürftigen Person. Sie erhalten freie Kost und Logis sowie ein Gehalt, sind dafür fast immer in Rufbereitschaft. Nach einigen Wochen werden sie abgelöst und gehen auf Heimaturlaub. Im besten Fall wechseln sich zwei Betreuerinnen ab, damit der Auftraggeber sich nicht immer an neue Hausbewohner gewöhnen muss.

Oft ist von 24-Stunden-Pflege die Rede. Aber für die Betreuer gelten deutsche Arbeitszeitregelgungen und sie werden nach deutschem Mindestlohngesetz bezahlt. Es muss freie Tage geben, zudem freie Stunden an den Arbeitstagen. Aber was ist Arbeitszeit? „Wenn die Betreuerin für sich und die zu pflegende Person kocht, wenn die beiden dann zusammen essen, ist das dann Freizeit? Oder halbe Arbeitszeit?“, fragt Lippert und hat keine eindeutige Antwort parat. „Das ist rechtliche Grauzone. Das System lebt davon, dass alle Beteiligten es so haben wollen“, stellt er fest.

Eine deutsche Seniorin, die jahrzehntelang die Herrin im Haus war, die ihren Haushalt im Griff hatte, und eine Frau aus Polen oder Rumänien, die andere Speisen kennt, andere Handgriffe tut und vielleicht nur gebrochen Deutsch spricht – das ist ein ungleiches Paar. Da gibt es im Zusammenleben allerlei Zündstoff. Lippert appelliert an das Mitgefühl der Auftraggeber: „Klar ist es nicht einfach, im Alter noch eine WG zu günden. Aber Sie müssen sich klarmachen, die Betreuerin steht unter Druck. Sie muss zum Lebensunterhalt ihrer Familie beitragen, vielleicht das Studium der Tochter finanzieren, sie muss funktionieren – und sie will Kontakt zu ihrem Mann, ihren Kindern, ihrem sozialen Umfeld halten.“ Da sei es ganz wichtig, einen Internet-Anschluss zur Verfügung zu stellen. Für manche älteren Leute ist das eine Hürde, „aber da hilft ein Anruf bei einem Provider“, beruhigt Lippert.

Zudem muss man dafür sorgen, dass die Betreuerin oft genug nach Hause kommt. „Der Trend geht dahin, sie nicht erst nach drei Monaten abzulösen, sondern nach vier, sechs oder acht Wochen. In Österreich sind sogar schon zwei Wochen üblich“, sagt Lippert. Das ist dann aber jeweils mit Fahrtkosten verbunden, die der Auftraggeber trägt – für Hin- und Rückfahrt etwa 200 Euro.

Doch nur Entgegenkommen könne helfen, die Stolpersteine dieses Zusammenlebens, das für beide Seiten nicht ganz freiwillig ist, zu überwinden – und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren, dass der Senior sein Eigenheim noch möglichst lange genießen und sich bei schönem Wetter in den großen Garten setzen kann.

Unabhängige Informationen zur Betreuung zu Hause oder auch im Pflegeheim bekommt man beim Pflegestützpunkt im Landratsamt Schwäbisch Hall, Telefon 07 91/755-78 88. Je nach Deutschkenntnissen und pflegerischer Ausbildung der Arbeitskraft kostet die Betreuung den Auftraggeber etwa 1800 bis 2500 Euro pro Monat. Dazu kommen Kost, Logis und Fahrtkosten. Der Pflegestützpunkt gibt auch Rat bei Fragen nach der Finanzierung.

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