Zwei Schwestern in der Landwirtschaft

Mit ihrem Konzept zur Führung eines landwirtschaftlichen Betriebs haben sich zwei Familien aus Baden-Württemberg für das „Agrar-Familie2017“-Finale qualifiziert.

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  • Eine Familie, die zusammenhält: Die Bullingers – Mareike, Eva, Irmtraud, Gerhard (von links) – führen gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb in Rot am See. 1/2
    Eine Familie, die zusammenhält: Die Bullingers – Mareike, Eva, Irmtraud, Gerhard (von links) – führen gemeinsam einen landwirtschaftlichen Betrieb in Rot am See. Foto: 
  • Helfen sich gegenseitig, wenn es nötig ist: die Schwestern Eva (links) und Mareike Bullinger.  2/2
    Helfen sich gegenseitig, wenn es nötig ist: die Schwestern Eva (links) und Mareike Bullinger. Foto: 
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Es gibt 3000 Putenmastplätze, 65 Milchkühe sowie 90 Hek­tar Wald, Acker und Grünfläche. Diese Struktur hat Vater Gerhard Bullinger geschaffen, nachdem er den Betrieb 1988 von seinem Vater Karl Bullinger in Werdeck (Rot am See) übernommen hatte. Nach der Einführung der Milchquote suchte Gerhard Bullinger nach einem zweiten Standbein, um das Betriebsrisiko zu streuen. Für den Agraringenieur war die Putenmast damals die beste Lösung.

Ob der landwirtschaftliche Betrieb einen weiteren Generationswechsel durchlaufen würde, stand lange Zeit nicht fest. Die drei Töchter fühlten sich wohl auf dem Hof, zeigten aber andere Interessen. Ein Hofnachfolger „im klassischen Sinne“ war nicht vorhanden, und es war während der Schulzeit der Schwestern überhaupt nicht absehbar, ob und wie es mit dem Hof weitergehen würde.

„Ohne jeglichen Druck, den Betrieb weiterführen zu müssen, hatten plötzlich zwei meiner drei Töchter die Idee, den Hof gemeinsam fortzuführen“, erinnert sich Gerhard Bullinger. Zu diesem Zeitpunkt hatte die heute 25-jährige Eva ihre erste Ausbildung zur Bauzeichnerin abgeschlossen. Für sie stand fest, dass sie zurück auf den Hof will. Im Herbst 2011 begann sie mit der Ausbildung zur Landwirtin, die sie im Sommer 2016 abschloss.

Einen anderen Weg ging Mareike. Nach dem Abitur 2012 studierte sie in Nürtingen das Fach Agrarwirtschaft. Schon während der Ausbildungszeit kam der Gedanke auf, den Betrieb gemeinschaftlich als Schwestern weiterzuführen. Beide Frauen beschäftigten sich zu dieser Zeit mit dem Thema Milchviehhaltung. Die Bachelorarbeit rückte näher, und Mareike begann, sich mit Direktvermarktung auseinanderzusetzen.

Zwei Wege, eine gemeinsame Mission

Eva ist nun seit Sommer 2016, die 23-jährige Mareike seit Januar 2017 im Betrieb der Eltern beschäftigt. Die Schwestern möchten den Hof der Eltern gemeinsam und dennoch eigenverantwortlich in ihrem jeweiligen Betriebszweig weiterführen. Die Hofnachfolgerinnen haben in der Vater-Töchter-GbR die beiden Betriebsschwerpunkte aufgeteilt. Doch  wurde die gemeinsame Mission durch die gemeinsame Direktvermarktungs-GbR wieder intensiviert. Keine der Schwestern hat ausschließlich ihren eigenen Betriebszweig im Sinn: Wenn im Schlachthaus oder auch bei den Kühen, Puten oder beim Ackerbau Hilfe benötigt wird, wird gegenseitig ausgeholfen.

Es wurde eine landwirtschaftliche GbR (zu der Putenmast, Milchviehhaltung und Ackerbau gehören) gegründet. Mit der Hofnachfolge ist auf dem Werdeckerhof ein neuer Betriebszweig eingezogen. Seit Februar 2017 gehört der Hofladen „Gute Pute“ zum Betrieb. Den rechtlichen Rahmen für den Verkauf von Putenfleisch und -wurst bildet eine weitere GbR – mit Eva und Mareike Bullinger als Gesellschafterinnen.

Viele Kühe machen Mühe

Sichtlich wohl fühlt sich Eva Bullinger im Milchviehstall, den sie zusammen mit ihrem Vater managt. Außerdem kümmern sich die beiden auch um den Großteil der anfallenden Arbeiten im landwirtschaftlichen Betrieb. Mit einer Ausnahme: Im Wald ist immer noch der 82-jährige Opa Karl der Chef.

Für die Technikerin Eva Bullinger stand schnell fest, dass der Milchviehstall auch als Ein-Frau-Betrieb geführt werden können muss. Dafür muss die Arbeitsbelastung reduziert werden. Steht die Junior-Bäuerin heute noch zweimal täglich in der Melkergrube, um die 65 Kühe zu melken, so soll ab Herbst die Aufgabe von einem Melkroboter erledigt werden. Damit die Investition wirtschaftlich ist, muss in Zukunft mehr Milch pro Kuh gemolken werden.

„Der Betriebszweig Milchwirtschaft soll zukunftsfähig sein. Ein kompletter Neubau ist deshalb für mich nicht in Frage gekommen. Unser Stallanbau ist für uns eine Investition in den Tierkomfort“, sagt Eva Bullinger. Eine Um- und Anbaulösung im Sinne der Tiere wurde gefunden. Der neue Stall wird über einen Laufhof mit dem alten Stall verbunden. Dadurch können die Tiere frei wählen, ob sie sich lieber draußen aufhalten wollen oder im Stall. Ein Augenmerk wird auf die Tiere mit erhöhtem Betreuungsaufwand gelegt, indem Bereiche geschaffen werden, die ihren Bedürfnissen entsprechen. Abkalbe-Bereich, Krankenbox und Selektionsgruppe für Frisch-Abkalber sind in der Nähe des Melkroboters. Ein außenliegender Futtertisch verläuft über die gesamte Länge des neuen Stalls, um das Tier-Fressplatz-Verhältnis einhalten zu können.

Investition in die Projekte

Derzeit werden auf dem Werdeckerhof 65 Milchkühe gehalten, die 10.000 Kilo Milch pro Jahr geben. Um eine Auslastung des geplanten Melkroboters zu gewährleisten, wird die Herde nur minimal aufgestockt.

Abgeschlossen sind die Investitionen in die Direktvermarktung. Nach dem Studium verbrachte Mareike Bullinger neun Monate auf einem Putenhof mit Direktvermarktung, um sich das notwendige Fachwissen anzueignen. Im Herbst/Winter 2016 wurde an den bestehenden Schlachtraum ein zweiter angebaut, um die offiziellen Vorgaben von Schlachtstätten einhalten zu können. Neben den baulichen Maßnahmen waren zudem Investitionen in diverse Geräte, Kühlraum und Kühltheke notwendig.

Jährlich durchlaufen drei Durchgänge den Maststall. Der Bedarf an Puten zur eigenen Vermarktung steigt seit der Eröffnung des Hofladens zu Jahresbeginn kontinuierlich an. Um wöchentlich die Kunden mit Frischfleisch versorgen zu können, wird der Bedarf an Puten für die Direktvermarktung umgestallt. Die Puten ziehen vom Mast- in einen Altstall und werden dort für die Dauer der Endmast gehalten. Für eine noch bessere Fleischqualität erhält das Geflügel Weizen aus eigenem Anbau.

Zusammen mit ihrer Mutter Irmtraud Bullinger schlachtet, zerlegt und verarbeitet Mareike die hofeigenen Puten zu den im Laden angebotenen Produkten.Dafür gibt es einen fixen Zeitplan, der von dem Frauenteam Woche für Woche umgesetzt wird: Montags ist Schlachttag, dienstags und mittwochs werden die Puten zerlegt, und donnerstags laufen die Vorbereitungen für den Verkauf im Hofladen, der freitags geöffnet hat.

Der Start in die Direktvermarktung ist geglückt. Jetzt wird am Feinschliff gearbeitet. Die Verkaufsmengen werden genauer kalkuliert, es wird am Vermarktungskonzept gefeilt. Und da ist die dritte Schwester Carolin gefragt, die als Marketing-Managerin arbeitet und Kontakte zu Medienprofis hat. Außerdem hilft sie beispielsweise bei der Formulierung von Anzeigen.

Sechs landwirtschaftliche Wochenblätter – darunter „BW agrar“ – organisieren den Wettbewerb „Agrar-Familie 2017“. Bundesweit  werden innovative Landwirtsfamilien gesucht, die als Impulsgeber und „Aushängeschild“ für die deutsche Agrarbranche vorangehen, wie der Veranstalter schreibt. Voraussetzung für eine Teilnahme war, dass der Betrieb mindestens in zweiter Generation geführt wird. Eingereicht wurden Familien-Projekte aus den drei Kategorien Betriebskonzept/-entwicklung, soziales Engagement und Öffentlichkeitsarbeit.

Für „BW agrar“ treten die Familien Bullinger aus Rot am See und Frey aus Sulz-Dürrenmettstetten an. Insgesamt 138 Landwirtsfamilien hatten sich um den Titel „Agrar-Familie 2017“ beworben. Dieser ist mit 12 000 Euro dotiert.  Zwölf Familien stehen jetzt im Finale. Für die Bullingers und Freys können Nachbarn, Freunde, Kollegen oder mit der Landwirtschaft verwurzelte Menschen aus der Region stimmen. Alle wählbaren Kandidaten und ihre Projekte stehen auf einer eigens für den Wettbewerb programmierten Internetseite:  www.agrar-familie.de.

Die Abstimmung zur „Agrar-Familie 2017“ läuft bis 27. Juli – online auf www.agrar-familie.de. Sie läuft anonym, ohne Angabe persönlicher Daten.  Für jede Familie kann ein User alle 60 Minuten abstimmen. Alle Abstimmenden werden mittels IP-Adresse identifiziert, sodass die Angabe personenbezogener Daten nicht erforderlich ist.

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