Professorin Marianne Brieskorn-Zinke spricht beim Fachtag in Wolpertshausen

Der Landkreis veranstaltet am Donnerstag, 6. November, den Fachtag "Alter und Pflege" in Wolpertshausen. Bis dahin veröffentlichen die Kreiszeitungen sieben Artikel, die einzelne Themen vorstellen.

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    Tanzen ist eine Möglichkeit, um im Alter fit zu bleiben. Archivfoto: Ufuk Arslan
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    Marianne Brieskorn-Zinke ist Professorin für Gesundheitswissenschaften. Sie kommt nach Wolpertshausen.
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Im ersten Teil der Serie geht es um Salutogenese, eine Theorie für Gesundheit im Alter. In der Gesundheitsförderung ist es das einflussreichste Konzept. Salutogenese will Antworten auf die Frage "Warum bleiben Menschen trotz vieler potenziell gefährdender Einflüsse gesund?" geben. Professorin Dr. Marianne Brieskorn-Zinke ist Expertin auf diesem Gebiet. Am 6. November referiert sie in Wolpertshausen. Im Interview beantwortet die Expertin und Buchautorin einige Fragen.

Frau Professor Brieskorn-Zinke, in Ihrem Vortrag beim Pflegefachtag steht das Wort Salutogenese im Mittelpunkt. Was können wir uns darunter vorstellen?

MARIANNE BRIESKORN-ZINKE: Das Konzept der Salutogenese wird sehr gut verstehbar in Abgrenzung zur Pathogenese. Pathogenese heißt übersetzt "die Ursprünge der Krankheit". Es ist eine Forschungs- und Arbeitsrichtung, die sich mit der Entstehung von Krankheiten befasst und in den letzten Jahrzehnten viel dazu beigetragen hat, Krankheiten besser als früher diagnostizieren und behandeln zu können. Über Salutogenese, also die Entstehung von Gesundheit, sagt diese Forschung aber wenig aus. In der Salutogenese werden die Fragen anders gestellt: Was ist Gesundheit? Was erhält Menschen trotz Belastungen gesund? Wie können wir diese Gesundheitsfaktoren so stärken, dass so lange wie möglich so viel Gesundheit wie möglich erhalten bleiben kann. Medizinische Ansätze spielen eine untergeordnete Rolle. Gesundheit und Krankheit sind ja eben auch eng mit dem Zusammenleben in einer Gesellschaft verbunden und mit den Chancen zur gesundheitlichen Entfaltung. Darum geht es in der Salutogenese.

Es wird viel von Prävention und Gesundheitskompetenz gesprochen. Welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sind grundlegend für persönliches und professionelles gesundheitliches Handeln?

Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Es gibt ja schließlich nicht nur eine Gesundheit, sondern viele unterschiedliche Arten, sich gesund und wohl zu fühlen. Ganz sicher reicht der Gang zum Arzt nicht aus, um seine Gesundheit zu pflegen und der Griff in den Medikamentenschrank noch viel weniger. Es geht um Fragen der Lebensgestaltung und um Fragen der Lebenshaltung, die sowohl von einzelnen, aber auch von professioneller Seite weitaus mehr ins Licht zu rücken sind, als das bisher geschieht.

Zivilisationskrankheiten, wie Muskel- und Skelett- sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen und Demenz erreichen viele Menschen häufig erst im Alter. Können wir dann überhaupt noch von Prävention sprechen?

Prävention und Gesundheitsförderung sind unterschiedliche Konzepte mit dem gleichen Ziel - nämlich mehr Gesundheit und weniger Krankheit. Prävention kommt aus dem Lateinischen und meint "zuvorkommen", in unserem Sinne der Krankheit zuvorkommen. Häufig beschränkt sich Prävention auf die Krankheitsfrüherkennung und die ist in der Tat im Alter häufig nicht mehr so sinnvoll. In meinem Vortrag wird es aber um das Konzept der Gesundheitsförderung gehen, welches gar nicht davon ausgeht, dass Krankheit und Gesundheit Gegensätze sind. Auch wenn wir im medizinischen Sinne Krankheitsdiagnosen mit uns tragen, haben wir alle immer auch noch viele gesunde Anteile in uns. Diese aufzuspüren und neu zu beleben, das ist das Geheimnis der Gesundheitsförderungen in allen Lebensphasen.

In Publikationen, Büchern und Vorträgen fordern Sie dazu auf, dass "die Pflege" in den deutschsprachigen Ländern bereit sein muss aus den gewohnten Handlungsfeldern herauszutreten und neue pflegerische Ziele und Interventionen in das berufliche Selbstverständnis mit aufnimmt. Was läuft bei uns falsch?

Die berufliche Pflege, gerade auch im Bereich Altenpflege, ist zu sehr auf das Individuum konzentriert und hier vor allem auf Verrichtungen. Pflege ist aber heute eben nicht nur Krankenpflege und Fürsorge, dies wollen wir beibehalten, da möchte ich nicht missverstanden werden. Aber Gesundheitspflege ist eben an Gesundheit und an dem Erhalt von Gesundheit im Alter orientiert. Die Pflegeberufe wissen aus ihrer alltäglichen Arbeit sehr wohl, wie eine Gesundheitspflege für Menschen mit unterschiedlichen Einschränkungen aussehen könnte. Sie werden jedoch selten danach gefragt und noch seltener werden aus ihren Anregungen Konzepte für mehr Gesundheit im Alter entwickelt. Hier liegt ein ungeborgener Schatz für mehr Lebensqualität im Alter. Die Gesellschaft in der Bundesrepublik braucht mehr Pflege- und Fürsorgequalitäten und die kann sie von den Pflegeberufen lernen. Es geht um die Aufwertung dieser Berufsgruppen gerade auch im Verhältnis zu den medizinischen Berufen. Pflegeberufe müssen in Zukunft so qualifiziert werden, dass sie Beratungs- und Unterstützungsaufgaben übernehmen können, um den Umgang und die Pflege alter und hochbetagter Menschen uns allen näherzubringen.

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