Pollenwarnungen aus Rückershagen

Wenn Allergiker im Februar vor den ersten Haselnusspollen gewarnt werden, dann haben sie dies auch Paul Zimmer zu verdanken. Der 80-Jährige beobachtet für den Deutschen Wetterdienst Pflanzen.

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  • Natur und Heimat sind für den 80-jährigen Paul Zimmer eng miteinander verbunden. Für seinen Einsatz als phänologischer Beobachter hat ihn Bundespräsident Johannes Rau 1999 mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet. Foto: Erwin Zoll 1/3
    Natur und Heimat sind für den 80-jährigen Paul Zimmer eng miteinander verbunden. Für seinen Einsatz als phänologischer Beobachter hat ihn Bundespräsident Johannes Rau 1999 mit der Bundesverdienstmedaille ausgezeichnet. Foto: Erwin Zoll
  • Schon im Januar hat in diesem Jahr die Haselnuss geblüht - zum Leidwesen vieler Allergiker. Foto: Dietmar Czapalla 2/3
    Schon im Januar hat in diesem Jahr die Haselnuss geblüht - zum Leidwesen vieler Allergiker. Foto: Dietmar Czapalla
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In diesem Jahr hat Paul Zimmer ein ungewöhnliches Ereignis registriert. Die ersten blühenden Haselnussbüsche hat er bereits am 12. Januar gesehen. Normalerweise wird es Mitte Februar, bis sich die Haselnuss als einer der ersten Frühlingsboten regt.

"Ich glaube nicht, dass die Haselnuss schon einmal so früh geblüht hat", sagt Paul Zimmer - und der muss es wissen, schließlich ist er schon seit 1959 in Wald und Flur für den Deutschen Wetterdienst (DWD) als phänologischer Beobachter unterwegs.

Die Phänologie ist ein wenig bekannter Zweig der Wetterkunde. Phänologen verfolgen das Wachstum und die Entwicklung von ausgewählten Pflanzen, manchmal auch Tieren, und liefern dabei Daten, an denen sich die Auswirkungen des Wetters und des Klimas auf die Vegetation ablesen lassen.

Paul Zimmer kann sich nicht mehr genau erinnern, wie er vor 54 Jahren zur Phänologie gekommen ist. Möglicherweise hat ihn die Gerabronner Stadtverwaltung gefragt, ob er für den Deutschen Wetterdienst tätig werden will. Wer immer auch auf die Idee gekommen ist, bei Paul Zimmer ist er jedenfalls an den Richtigen geraten. Aufgewachsen in seinem Elternhaus, einem Bauernhof in Rückershagen, hat Zimmer in Nürtingen Agrarwissenschaften studiert. Als Diplom-Agraringenieur hat er später den Hof seiner Eltern übernommen und bis 1991 mit seiner Frau Johanna bewirtschaftet.

Schon während seines Studiums hat sich Zimmer intensiv mit Pflanzen beschäftigt und ein umfangreiches Herbarium angelegt. Diese Sammlung gepresster, getrockneter und beschrifteter Pflanzen besitzt er noch heute. Mit solchen Kenntnissen ausgestattet, ist es Zimmer nicht schwer gefallen, die Tätigkeit als phänologischer Beobachter aufzunehmen - und er führte dabei gewissermaßen auch eine Familientradition fort, denn sein Vater hatte landwirtschaftliche Daten für das Statistische Landesamt erhoben.

Rund 80 Pflanzenarten, wild lebende Pflanzen und Kulturpflanzen, hat Paul Zimmer sozusagen auf dem Radarschirm, wenn er rund um Rückershagen unterwegs ist - und das ist er ohnehin so oft, dass er keine gezielten Kontrollgänge unternehmen muss. Es genügt ihm, im Alltag mit offenen Augen durch die Welt zu gehen. Er achtet dabei nicht nur darauf, ob die Haselnuss blüht, einer der ersten Frühlingsboten. Er sieht auch nach Erlen, Birken und Weiden, er hält fest, wann Buchen und Kastanien austreiben, ab wann der Löwenzahn blüht, wann die Wiesen grün werden und wann die Heuernte beginnt. Paul Zimmer beobachtet Weizen, Gerste und Raps von der Aussaat bis zur Ernte, er verfolgt, wie sich Apfel- und Birnbäume von der Blüte bis zur reifen Frucht entwickeln. Erst wenn die Apfelbäume ihre Blätter verlieren, ist die Vegetationszeit beendet, und auch für die phänologischen Beobachter beginnt die Winterruhe.

Paul Zimmer hält - wie seine Kollegen Karl Knauer in Waldtann und Annelotte Häcker in Marktlustenau - seine Beobachtungen in einem Tagebuch fest. Im Dezember überträgt er die Angaben in einen Meldebogen, den er an den Deutschen Wetterdienst in Offenbach schickt. Außerdem gibt es sogenannte Sofortmeldungen: Bestimmte Beobachtungen werden umgehend telefonisch gemeldet.

Fragt man Paul Zimmer nach dem Klimawandel, so antwortet er zurückhaltend. Er weist darauf hin, dass es auch früher besonders milde, aber auch besonders harte Winter gegeben hat. Für entscheidend hält er die Richtung, aus der der Wind überwiegend weht. "Es wird schon wärmer", meint Zimmer, "aber nicht so extrem."

Ein genaueres Bild liefert die Gesamtheit der phänologischen Daten, die der Deutsche Wetterdienst auswertet. Daraus ist unter anderem ersichtlich, dass sich der Ablauf der Jahreszeiten in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Von 1961 bis 1990 dauerte der Winter in Deutschland durchschnittlich 119 Tage, von 1991 bis 2011 nur noch 106 Tage. Der Frühlingsanfang hat sich von Anfang März auf Mitte Februar vorgeschoben, obwohl man das heuer kaum glauben kann, und auch Sommer und Herbst beginnen etwa einen halben Monat früher.

Die phänologischen Daten stellt der Wetterdienst für viele Zwecke zur Verfügung. Neben wissenschaftlichen Zwecken gehören dazu die landwirtschaftliche Beratung und der Polleninformationsdienst für Allergiker. Wenn der Deutsche Wetterdienst die Allergiker vor Birken-, Erlen- oder Weidenpollen warnt, dann geht die Warnung auch auf eine Sofortmeldung zurück, die Paul Zimmer aus seiner Stube in Rückershagen abgesetzt hat.

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