Ostern - wenn die Welt auf dem Kopf steht

Gedanken zum Sonntag von Pastoralreferent Wolfram Rösch von der Kirchengemeinde St. Markus in Schwäbisch Hall.

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"Die Auferstehung" des Künstlers Matthäus Merian der Ältere (1593 bis 1650). Der Kupferstich entstand zwischen den Jahren 1625 und 1627. Foto: epd

Vor Kurzem las ich einen Roman, bei dem der Text eines Absatzes auf dem Kopf stand. Ich musste das Buch drehen, um ihn lesen zu können. Dabei musste ich schmunzeln, denn ich erfuhr nichts Neues zum Inhalt, sondern ich las die rhetorische Frage, wie die Reaktion meiner Umgebung aussehe, wenn man das Buch verkehrtherum in der Öffentlichkeit lese. Mir blieben fragende Blicke allerdings erspart, denn ich las zu Hause.

Am Sonntag feiern wir Christen Ostern. In unserem Glauben ist das Fest der Höhepunkt, der das Leben Jesu bestätigt. Denn Jesus stellte damals einiges auf den Kopf: Vorstellungen dessen, was Religion zu sein hat, fragliche Gottesbilder, das Verhältnis von Frau und Mann, oder die Vorstellung davon, wer zur Gesellschaft gehört und wer nicht. Dass sein Leben gewaltsam endete, war nicht verwunderlich. Er war einfach unbequem, stellte selbstverständliche Arrangements infrage und eckte bei den Etablierten an.

Was nach seinem Tod konkret passiert ist, lässt sich historisch kaum erklären. Fest steht, dass Jesu Werk gescheitert war, sich seine Anhänger in alle Himmelsrichtungen zerstreuten. Aus und vorbei, wie bei vielen anderen Heißspornen auch. Doch dann geschah die Wende. Plötzlich versammelten sich die Frauen und Männer wieder. Sie beteten gemeinsam und feierten das Mahl, das Jesus mit ihnen gefeiert hatte. Auf einmal hieß es: Er lebt. Er ist mir begegnet.

Die Botschaft vom Leben stellt einiges auf den Kopf. Fast unglaublich ist dieses Bekenntnis, denn wie kann es sein, dass ein Toter auf einmal wieder lebt? Unser Verstand sucht nach Erklärungen. Daher mangelt es auch nicht an mehr oder weniger guten Versuchen, Licht in die Sache zu bringen. Ganz gleich aus welcher Richtung sie stammen: Befriedigend sind diese Erklärungsversuche für mich nicht.

Die Bibel selbst ist eher zurückhaltend, wenn es um die Ereignisse von damals geht. Sie erklärt nicht das Warum und Wie, sondern erzählt, dass Jesus auferstanden ist. Und sie spricht davon, wie diese Erfahrungen diejenigen verändert hat, die offen waren für die Begegnungen mit dem Auferstandenen.

Mir geht der Roman nicht aus dem Sinn, denn er gab mir humorvoll den Impuls, Dinge neu zu sehen und Selbstverständliches auf den Kopf zu stellen. Die veränderte Perspektive nötigt genauer hinzuschauen, man entdeckt neue Details, und manche Überzeugung wird auch klarer.

Wenn es um Ostern geht, dann möchte ich auch einiges auf den Kopf stellen. Nämlich Haltungen und Einstellungen, die Leben verhindern, wie: "Das war schon immer so, da kann man nichts machen, sollen doch andere etwas tun." Die Lebendigkeit Jesu ist für mich da zu erfahren, wo ich mich gegen diese Sätze stelle, auch wenn sie mir manchmal selbst über die Lippen kommen. Auf den Kopf gestellt könnten die Sätze lauten: "Ich möchte Neues wagen, auch wenn es gegen den Trend läuft, ich kann etwas ausrichten und sei es auch noch so klein, und ich kann mithelfen, andere haben schon begonnen."

Ostern stellt vieles auf den Kopf. Nicht nur damals in Jerusalem. Sondern immer dann, wenn wir dem Leben eine Chance geben, auch wenn uns manche Zeitgenossen verwundert anblicken.

Frohe Ostern!

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