Ohnmächtig in Facebook-Falle

Die Stadtverwaltung hat es erlebt und Zahnarzt Klaus Löhlein: Über Nacht werden sie zu Internet-Berühmtheiten. Zehntausende Menschen werden auf sie aufmerksam. Und die Welle ist nicht zu stoppen.

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Hunderte E-Mails, Anfragen und Anrufe prasseln im April auf die Zahnarztpraxis ein: Wer sind die Blondinen, haben Sie noch einen Termin frei? Dr. Klaus Löhlein wirbt auf seiner Praxishomepage mit einem Foto von sich und seinen sieben blonden Zahnarzthelferinnen. Das Bild wird kopiert und im Netz kommentiert.

Am 4. April rauscht die Lawine im Internet los. Ein Nutzer des Netzwerks Facebook stellt die Blondinen auf seine Seite und fragt: "Wer kann die Vorliebe dieses Zahnarztes erkennen?" Bis heute adeln 6918 Nutzer das Bild mit dem "Mag ich"-Button allein auf dieser einen Seite. Als Multiplikator dient Hans Sarpei. Der Schalker-Fußballprofi versorgt 151835 Fans mit Tratsch aus Hall.

Dass sich Nachrichten ungewollt verbreiten, ist nicht erst seit Facebook so. Im mittelalterlichen Schwäbisch Hall wurde sicherlich von Hintertür zu Hintertür getuschelt. Der Unterschied zu damals ist dieGeschwindigkeit, mit der sich Nachrichten heute unkontrollierbar hunderttausendfach verbreiten.

50 Prozent oder mehr Aufmerksamkeit erhält laut einer US-Studie eine Geschichte in der Regel in den ersten 24 Stunden. Das macht den einzelnen Computernutzer machtlos. "Das überkommt uns gerade", sagte Klaus Löhlein im April.

Auch die Arbeit der Haller Polizei ist von der Macht der Sozialforen betroffen. Es gibt in jüngster Zeit Unfälle und Straftaten, die von Freunden der Opfer ausgiebig kommentiert werden. Das könnte Ansatzpunkte zur Ermittlung liefern. Pressesprecher Hans-Ulrich Stuiber will aber auf Nachfrage weder bestätigen noch dementieren, dass die Polizei das Internet nutzt.

In der Haller Stadtverwaltung geht man transparenter mit dem Thema um. Für 10500 Euro wurden sieben Journalisten aus Südeuropa nach Hall gelotst, damit sie über Deutschkurse am Goethe-Institut und Arbeitsmöglichkeiten schreiben. Der Artikel einer portugiesischen Journalistin wurde per Facebook verbreitet. Mehr als 15000 Bewerbungen von Portugiesen für einen Job in Hohenlohe trafen bei der Arbeitsagentur ein. Einige Portugiesen auf Jobsuche nahmen den nächsten Flieger, klopften direkt an der Rathaustür an.

Dabei hatten weder Stadtverwaltung noch Journalistin die Verbreitung des Artikels bewusst gesteuert. Mit so wenig Geld wurden selten so viele Bewerber angelockt - bis jetzt fanden rund 20 Portugiesen einen Job. Derzeit versucht OB Pelgrim den Internet-Hype erneut zu nutzen. Er würde nun gerne per Internet die Botschaft verbreiten: Hall ist für Unternehmen als Investitionsstandort geeignet. Den Internet-Tsunami bewusst zu erzeugen ist aber sehr schwer. Es gibt spezielle Agenturen, die das für viel Geld versuchen.

Im Fall des Haller Zahnarztes gibt es immerhin ein kleines Nachbeben im Netz. Löhlein gilt im Internet als Positivbeispiel, wie man mit einem solchen Vorfall außergewöhnlich gut umgeht. Der Arzt versuchte nicht gegen dem Strom zu schwimmen, ging nicht juristisch gegen Beleidigungen vor und dementierte nichts. Er nahm in ausgewählten Print-Medien Stellung, lehnte aber weitere Interviews ab, um den Hype nicht zu befeuern, steht im Medienblog von Lars Hilse, einer Agentur für Internetstrategien.

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