Nur mit Tagesschein von Straßburg nach Kehl

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Gespannt verfolgten die Schrozberger Schüler, was Erika Rüdel über das Leben im Elsass erzählte.  Foto: 

Für Schüler ist es schwierig, sich vorzustellen, in welcher Not die Menschen in den Kriegsjahren 1939 bis 1945 lebten und wie sie die Schwierigkeiten des Alltags bewältigten. Zwar steht vieles in Schulbüchern, aber einen Text zu lesen ist doch etwas anderes als einem Menschen zu begegnen, der dies alles hautnah erlebt hat.

Erika Rüdel (Jahrgang 1930) ist es ein wichtiges Anliegen den Schülern diese Zeit näherzubringen. Ergreifend und mit vollem Elan schilderte sie kürzlich in der Schule in Schrozberg anhand der Geschichte ihrer Familie die Veränderungen im Elsass rund um den zweiten Weltkrieg.

Begleitet von der Franzö­sischlehrerin Sina Eras und der Geschichtslehrerin Yuriko Kraft hörten die Klassen 8 und 9 nicht nur einen sachlichen Vortrag. Sie erfuhren von der Zeitzeugin in ergreifender Weise, wie sich Flucht, Vertreibung, Angst, Tod oder Hunger auswirken. „Hunger tut weh“, sagte Rüdel.

Erika Rüdels Vater stammte aus dem Elsass, weshalb die Familie noch vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs mit ihren fünf Mädchen und einem Jungen dorthin zog. Eines der Mädchen war Erika Rüdel. Sie erlebte den Wandel von der deutschen Besetzung Frankreichs über die Entbehrungen während des Kriegs bis hin zu den Wirren und Problemen nach dem Krieg als Deutsche im nun wieder französischen Elsass.

So mussten während der deutschen Besatzung die französischen Schüler zum Beispiel ihre Namen ändern und die deutsche Sprache lernen, mit Ende des Krieges war es dann genau umgekehrt: Die deutschsprachigen Einwohner des Elsass mussten ihre Namen in französisch klingende umwandeln. Der Unterricht in der Schule fand wieder auf Französisch statt. Eindrücklich baute Erika Rüdel dazu vor der Klasse einige französische Sätze aus ihrer Schulzeit in ihren Vortrag ein, sodass die Sprachbarriere für alle Schüler schnell erfassbar war.

Was man sich heute in einem Europa mit offenen Binnengrenzen kaum vorstellen kann: Eine Reise von Straßburg nach Kehl über den Rhein war nach dem Krieg nur mit einem Tagesschein möglich. Erika Riedels Vater nutze diese Möglichkeit und kam mit schockierenden Schilderungen eines Deutschlands in Trümmern und hungernden Menschen ins Elsass am Abend zurück. Nur einzeln gelang schließlich den Familienmitgliedern ein Jahr später die Flucht aus Frankreich nach Deutschland.

Über zehn Jahre hatte Erika Rüdel einen französischen Pass, erst mit ihrer Hochzeit legte sie die französische Staatsbürgerschaft ab. Eine doppelte Staatsbürgerschaft war damals zu schwer zu bekommen.

Viele Jahre später kehrte Erika Rüdel nochmals nach Straßburg zurück. Dort entdeckte sie die „Straße des 22. November 1944“. Sie sprach einen älteren Straßburger auf das Datum an, der von Gefühlen tief bewegt ausrief: „Nie wieder Krieg.“ Am 22. November 1944 wurde Straßburg durch amerikanische Truppen von der deutschen Besatzung befreit.

Nie wieder Krieg – diese Friedensbotschaft hat Erika Rüdel den Schülern der beiden Klassen anhand ihrer Erlebnisse eindrucksvoll vermittelt.

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