NS-Opfer fast in jeder zweiten jenischen Familie

Timo Adam Wagner ist Generalsekretär des Bunds der Jenischen in Deutschland und Europa, dem rund 4000 Mitglieder angehören.

|

Wie viele NS-Opfer hat es unter denJenischen in Deutschland gegeben?

TIMO ADAM WAGNER: Jenische standen bereits 1935/1936 im Fokus der NS-Verbrecher, sie wurden in sogenannten "Zigeunerlagern" festgesetzt und litten bereits in dieser frühen Periode der NS-Herrschaft in Deutschland unter massivsten Verfolgungsmaßnahmen. Fast jede zweite jenische Familie hatte Opfer zu beklagen, meist sogar mehrere, und nicht wenige Familien wurden ganz ausgelöscht. Wegen der bisher nur sehr zögerlichen Bereitschaft der Obrigkeit, die entsprechend notwendigen Mittel für die Aufarbeitung und Dokumentation der jenischen Verfolgungsgeschichte im NS-Staat bereitzustellen, kann eine genaue Opferzahl bisher niemand benennen. Davon ausgehend, dass es heute bis zu 250 000 Jenische gibt und kaum eine Familie keine Opfer zu beklagen hat, kann man die Dimensionen wohl erahnen.

Welche Bedeutung hat das neue Mahnmal in Unterdeufstetten für Sie und die Jenischen?

WAGNER: Das Mahnmal hat eine sehr große Bedeutung für uns Jenische und stellt für die Betroffenen eine, wenn auch sehr späte, Anerkennung und eine Rehabilitation der Opfer dar, an welcher sich unzählige weitere Gemeinden und das Land ein Beispiel nehmen sollten.

Wie ist die wirtschaftliche Lage der Jenischen in Deutschland heute? WAGNER: Wie in jedem anderen Volk gibt es auch bei den Jenischen sowohl wohlhabende als auch sehr bedürftige Familien. Aufgrund der besonderen Umstände und der zum Teil bis heute vorherrschenden Diskriminierung Jenischer leidet die Mehrzahl der jenischen Familien unter finanzieller Not. Das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz bereitet große Sorgen da es unzähligen jenischen Schrott-, Metall- und Altkleiderhändlern die wirtschaftliche Existenz raubt. Durch die Anzeigepflicht für gewerbliche Sammlungen schon Monate im Voraus werden diese regelrecht kriminalisiert. Manche Kommunen wie der Landkreis Böblingen veranstalten regelrechte Hetzkampagnen und setzen Kopfgelder für Erstmeldungen von rechtswidrig als illegal denunzierten fahrenden Händlern aus. Vor und nach dem Krieg waren unsere Leute gerade gut genug, diese ungeliebte Drecksarbeit zu machen, in Zeiten klammer Kassen der Kommunen sollen nun die Schwächsten der Gesellschaft das Bauernopfer sein. Hierdurch treibt man ganze Großfamilien in die Hartz-IV-Spirale nach unten. Dies können wir als Bundesverband nicht akzeptieren, deshalb bereiten wir derzeit Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht und dem Europäischen Gerichtshof vor.

Sind die Jenischen in Deutschland heute vollständig in die Gesellschaft integriert?

WAGNER: Wo man Jenischen vorurteilsfrei und offen gegenübersteht und auf zwangsweise Assimilierungsversuche verzichtet, stellt man fest, dass diese von ganz alleine versuchen, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden und sich einzubringen. Gerade Fichtenau kann hier als Vorbild stehen. Dafür möchten wir Herrn Bürgermeister Piott unseren ausdrücklichen Dank und unsere Anerkennung aussprechen. Gäbe es mehr Bürgermeister wie ihn in Baden-Württemberg, würden sich viele Probleme zwischen Jenischen und der Mehrheitsbevölkerung von ganz alleine lösen.

Sind die Jenischen ein Volk?

WAGNER: Ja! Eigentlich stellen die Jenischen sogar eine Art transnationale Minderheit dar, die sich durch ihre eigenständige und über die Jahrhunderte hinweg gelebte Kultur, durch Sprache, Tradition und Lebensweise definiert. Die Jenischen erfüllen alle Vorgaben, die die Bundesrepublik einer Anerkennung als Minderheitenvolk zugrunde legte. Dass diese Anerkennung dennoch nicht erfolgt, beweist klar und deutlich die fortdauernde Diskriminierung Jenischer in der BRD.

Bei reichsweiter Aktion verschleppt

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo