Niemand weiß, wie es mit erwarteten Flüchtlingen in der Stadt weitergehen könnte

"Abwarten" heißt die Devise in Kirchberg, wo offenbar fast die ganze Stadt dem Eintreffen der Asylbewerber entgegenfiebert. Allein: Nichts Genaues weiß man nicht! Das HT hat sich dennoch in Kirchberg umgehört.

|
Vorherige Inhalte
  • Ein Bild aus vergangenen Tagen: Iranische Asylbewerber traten 2012 in Würzburg in den Hungerstreik, um ihrer Anerkennung als politische Flüchtlinge Nachdruck zu verleihen. 1/3
    Ein Bild aus vergangenen Tagen: Iranische Asylbewerber traten 2012 in Würzburg in den Hungerstreik, um ihrer Anerkennung als politische Flüchtlinge Nachdruck zu verleihen. Foto: 
  • Gutscheine aus Nordrhein-Westfalen, mit denen Asylbewerber in Kamen einkaufen können. Ein ähnliches System ist auch in Kirchberg geplant. Foto: dpa 2/3
    Gutscheine aus Nordrhein-Westfalen, mit denen Asylbewerber in Kamen einkaufen können. Ein ähnliches System ist auch in Kirchberg geplant. Foto: dpa
  • Künftig Unterkunft für Asylbewerber und Flüchtlinge: das Adelheidstift in Kirchberg. Foto: Andreas Harthan 3/3
    Künftig Unterkunft für Asylbewerber und Flüchtlinge: das Adelheidstift in Kirchberg. Foto: Andreas Harthan
Nächste Inhalte

Keine Neuigkeiten aus dem Haller Landratsamt! "Es gibt seit Ende Februar keinen neuen Kenntnisstand", offenbarte die Sachbearbeiterin aus der Pressestelle dem HOHENLOHER TAGBLATT vorgestern. Weder Termin noch Zahl oder gar Umstände des Eintreffens der Asylbewerber im Kirchberger Adelheidstift könnten dem HT mitgeteilt werden, hieß es. Folglich ändert sich nichts an der Tatsache, dass das Amt nach wie vor von zunächst 29, später gar von bis zu 178 Flüchtlingen ausgeht, die in Kirchberg untergebracht werden sollen.

Die Kommune mit allen Institutionen hängt in der Luft

Derweil hängt die Kommune mit all ihren Institutionen in der Luft. Was sich - nicht erst seit dem Vorbereitungstreffen des Freundeskreises Asyl mit Vereinen, Organisationen, Schulen und Kindergärten Ende Februar - beobachten lässt: Die Stimmungslage ist derzeit eher freundlich - noch. Was bleibt, ist die Kritik an den drohenden misslichen Zuständen im früheren Mutter-Kind-Kurheim, dem Adelheidstift, wenn tatsächlich - wie vom Landratsamt beabsichtigt - bis zu 178 Menschen dort Einzug halten sollen.

"Dann wirds Käfighaltung", formuliert es Kirchbergs Hauptamtsleiterin Almuth Bantzhaff drastisch. Brennpunkte würden so erst heraufbeschworen. Knapp 200 Menschen wohnen in Kirchberg im Tal. "Wenn 178 dazu kommen, dann stimmt das Verhältnis einfach nicht mehr", ergänzt sie. "Außerdem bleibt offen, was mit Gemeinschaftsräumen ist, wo gekocht werden soll, wie es um sanitäre Einrichtungen steht." Sie wolle zwar nichts dramatisieren, und die Situation könnte sich letztlich durchaus entspannt darstellen, aber schon 50 Menschen im Adelheidstift stellen ihrer Ansicht nach eine unzumutbare Belastung für alle dar. "Eine 17 Quadratmeter große Küche gar für 80 Personen, wie sich das die Leute vom Landratsamt vorstellen: Wie soll das funktionieren?"

Schon der Kirchberger Gemeinderat hatte sich in seiner jüngsten Sitzung nicht gegen die Flüchtlinge an sich, wohl aber gegen die Umstände der Unterbringung ausgesprochen. 4,5 Quadratmeter pro Asylbewerber - so viel Raum gesteht das Haller Amt jedem Betroffenen zu: "Jeder Hund braucht sechs Quadratmeter", erinnert Almuth Bantzhaff an gängige Bestimmungen. Sie ist überzeugt, dass die Kommunikation zwischen Kommune und Landratsamt mangelhaft ist: "Es fehlt der Dialog - es hat noch keine große Besprechung gegeben."

17 Quadratmeter in der Küche für 80 Leute: unzumutbar

Das Treffen des Freundeskreises Asyl Ende Februar hat weitere Fragen aufgeworfen: Wer erteilt Sprachunterricht, zum Beispiel? Oder: Wo kaufen die Asylbewerber nach welchem System ein? Wer übernimmt Fahrdienste? Und: Wer überhaupt betreut die heimatlosen Menschen? Immerhin gab es auch ein paar Antworten: Die Ärztegemeinschaft "Praxicum" will freiwillig die ärztliche Versorgung übernehmen. Mitglieder des Freundeskreises Asyl haben Bereitschaft erklärt, die Flüchtlinge zu betreuen, Verwandtenbesuche zu ermöglichen und ihnen beim Einkauf zur Hand zu gehen.

In den örtlichen Vereinen bestehe außerdem die Möglichkeit, sich zu betätigen, hieß es. Der frühere Bürgermeister Frieder König vom Museums- und Kulturverein Kirchberg schränkt indes wieder ein, denn: "Diese Menschen dürften erst mal andere Sorgen haben, als sich um ihre Freizeitgestaltung zu kümmern."

Für ihn ist eines der Hauptprobleme die Versorgung der Asylbewerber mit Verpflegungsgutscheinen, für die heimische Geschäfte auch noch Bearbeitungsgebühr zahlen sollen. König: "In Bayern werden die Bons wieder abgeschafft, bei uns in Baden-Württemberg eiert man endlos rum und zeigt den Betroffenen damit indirekt, dass sie eigentlich unerwünscht sind." Auch das Landratsamt habe sich in dieser Beziehung nicht mit Ruhm bekleckert: "Einige Amtsmitarbeiter haben sich meines Eindrucks nach als ausgesprochen gelangweilt bis bockig präsentiert."

Deutliche Worte, die Schulleiter Michael Szutta indirekt bestätigt. Der Rektor der August-Ludwig-Schlözer-Schule, die wohl erste Anlaufstelle für schulpflichtige Kinder von Asylbewerbern wäre, hängt in der Luft. Er hatte bislang keinen Ansprechpartner - weder beim Landratsamt noch beim Staatlichen Schulamt. "Wenn wir Flüchtlingskinder unterrichten sollen, machen wir das gern. Dazu brauchen wir zusätzliche Deputate, damit wir zum Beispiel Deutsch für Ausländer anbieten können." 650 junge Menschen besuchen zurzeit die Grund-, Werkreal- und Realschule in Kirchberg. 20 weitere Schüler wären laut Szutta "zu verkraften - wenn wir wissen, dass sie kommen." Doch davon sei bisher nicht die Rede gewesen. "Kurzfristig zusätzliche Klassen aufzubauen, wird wohl schwierig", befürchtet er. Szutta: "Die Kinder in bestehende, normale Klassen aufzunehmen, dürfte sinnlos sein." Von den Räumen her sei das Problem lösbar: "Es stehen schon jetzt Container, und es gibt ein paar kleine, leer stehende Zimmer." Voraussetzung für ihn und sein Kollegium: "Frühzeitig wissen, was passiert."

Das gilt genauso für die beiden Kindergärten in der Stadt. Leiterin Andrea Lutz vom evangelischen Kindergarten hat zwar Platz und könnte bis zu zehn weitere Kinder aufnehmen, doch deren Spracherwerb dürfte für sie und ihre Kolleginnen das größte Problem darstellen. Auf Sprachzusatzqualifikation kann Monika Busch vom städtischen Kindergarten bauen. "Eine Kollegin hat die vom Land finanzierte Zusatzausbildung, eine weitere fängt jetzt ihren Kurs an", erläutert sie. Auch in ihrer Einrichtung könnten zehn Kinder zusätzlich untergebracht werden. Ihr Problem: Es gibt keinerlei Hinweise, ob Kirchberg Familien mit Kindern zugewiesen werden.

Briefe sind schon angekommen

Frieder König überrascht ein Fakt, der ihm kürzlich die Stadtverwaltung zugetragen hat: "Obwohl gar nicht bekannt ist, ob, wann und wie viele Asylbewerber kommen, sind postlagernd im Adelheidstift schon Briefe angekommen. . ."

Status als Flüchtling
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Die Asyl-Debatte in der Region

Wie die steigende Zahl von Flüchtlingen untergebracht werden kann, ist eine Frage, die sich dem Landkreis derzeit jeden Tag aufs Neue stellt - und die auch die Städte und Gemeinden beantworten müssen.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Welche Partei passt zu Ihnen?

Webanwendungen sollen bei der Wahl der richtigen Partei helfen und Orientierung geben. Neben dem etablierten Wahl-o-Mat gibt es mittlerweile aber auch zahlreiche Alternativen. weiter lesen