Moderne Pranger anprangern

Gedanken zum Sonntag von Pfarrer Wolf-Dieter Kaiser aus Gröningen

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Wer in der Altstadt von Schwäbisch Hall an der großen Treppe vor der Michaelskirche steht, wird irgendwann auch den früheren Pranger finden. Hübsch erhalten steht er da, und ein paar Ketten mit Halseisen baumeln auch noch herab. Wohlig genießt es der Betrachter, in einer humaneren Zeit zu leben, in der man nicht mehr an solchen Orten öffentlich zur Schau gestellt wird, wenn man etwas falsch gemacht hat. Gut, dass die Gassenbuben einen nicht mehr mit fauligem Gemüse bewerfen dürfen. Oder stimmt das doch nicht so ganz?

Einmal gelernt oder zumindest gehört haben Luthers Auslegung zum achten Gebot noch die meisten von uns: "Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unsern Nächsten nicht belügen, verraten, verleumden oder ins Gerede bringen, sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren." Mit dem Verinnerlichen dieser Worte hat es jedoch nicht immer geklappt: Die Freude daran ist ungebrochen, jemanden bei etwas zu erwischen, Schlechtes von ihm zu reden, ihn nicht zu entschuldigen, sondern (zumindest für ihn) nichts mehr zum Besten zu kehren. Manche genießen das sogar regelrecht.

Gut: Mit Sachen wirft heute kaum mehr einer. Wenigstens in der Hinsicht sind die Manieren ein wenig besser geworden. Doch ist das Werfen mit Worten weniger verletzend?

Die Gegenwart hat ebenfalls ihren Pranger, nur steht er flimmernd daheim in den Wohnungen - und in den Foren und in den Kommentarspalten des Internets darf sogar jeder mitspielen! Hin und wieder überfliege ich ein paar Beiträge, die unter dem Schutz der Anonymität in den Raum gestellt werden. Wohl ist mir dabei nicht. Wenn das, was wir hinter einer Maske versteckt sagen, unser wahres Gesicht zeigt, so geht uns viel verloren von dem, was einem christlichen Umgang miteinander entspricht. Wo ist da noch Besonnenheit im Urteil? Wo ist ein Rest von Fähigkeit, Schuld zwar nicht schönzureden, einem schuldig gewordenen Menschen jedoch einen Rest an Achtung zu bewahren und ihm eine Tür für einen besseren Neuanfang offenzuhalten?

Wenn ich unsere Konfirmanden die Auslegung aus dem Katechismus sagen höre, so muss ich immer wieder denken: "Ein gutes Vorbild hierzu werdet ihr nicht immer finden. Ihr lebt in einer Zeit, in der die Strömung euch davon weit weg treibt. Wenn ihr es euch leicht machen wollt, dann werdet ihr mit der Masse Worte werfen - und ihr werdet mit ihr darauf warten, bis unter dem allgemeinen Jubel der nächste Kopf rollt."

Doch es besteht weiterhin auch die Hoffnung, dass dieses Mitschwimmen nicht überhand nimmt. Das, was der Pranger von Hall verkörpert, sind Wurzeln, durch die wir nichts Gutes in uns aufsaugen. Aber wir haben auch andere Wurzeln. Aus ihnen heraus zu leben, würde vielleicht nicht auf einen Schlag alles zum Besten kehren, doch es würde uns in vielem guttun - und es würde uns etwas von dem zurückgeben, was wir "human" nennen: Menschlichkeit.

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