Mit Hohenlohe verwurzelt

Ihr Vater hat sie schon als Kinder Toleranz gelehrt - und gab ihnen seine Liebe zu Braunsbach und Hohenlohe weiter. Edna Bodan und Nurit Kahana sind als Töchter von Simon Berlinger in Israel aufgewachsen.

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  • Edna Bodan steht am neuen Schild am ehemaligen Braunsbacher Rabbinatsgebäude. Sie und ihre Schwester sind stolz darauf, dass das Haus, in dem ihr Vater als jüdischer Lehrer tätig war, nach ihm benannt wurde. Fotos: Oliver Färber 1/2
    Edna Bodan steht am neuen Schild am ehemaligen Braunsbacher Rabbinatsgebäude. Sie und ihre Schwester sind stolz darauf, dass das Haus, in dem ihr Vater als jüdischer Lehrer tätig war, nach ihm benannt wurde. Fotos: Oliver Färber
  • Nurit Kahana hat bereits zwei Enkelkinder - und will ihnen nun auch die Werte ihres Vaters vermitteln. 2/2
    Nurit Kahana hat bereits zwei Enkelkinder - und will ihnen nun auch die Werte ihres Vaters vermitteln.
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Beide Töchter sind mit ihren Familien zum großen Festtag aus Haifa nach Braunsbach gekommen. Wenn das ehemalige Rabbinatsgebäude nach ihrem Vater Simon Berlinger - der dort vor seiner Vertreibung durch die Nazis unterrichtete - benannt wird, nehmen sie gerne die weite Reise aus Israel auf sich. Viele Gedanken begleiten die beiden. "Ich habe zwei verschiedene Gefühle, wenn ich in Deutschland bin", meint Edna Bodan. Sie denkt an die schöne Kindheit, die sie in Israel und ihr Vater in Deutschland hatte. Gleichzeitig ist sie traurig, dass er seine geliebte Heimat damals verlassen musste. "Ich fühle keinen Hass, ich bin nur traurig", versichert sie. Es sei eine Tragödie für Juden und Deutsche gewesen.

Ihrer Schwester Nurit Kahana bedeutet solch eine Reise viel: "Ich liebe Israel, aber wenn ich hierher- komme, dann ist das Heimat", sagt sie und strahlt.

Und das schon, bevor sie Braunsbach und Hohenlohe überhaupt zu Gesicht bekommen hatte. "Mein Vater war ein guter Erzähler, und abends ab 20 Uhr hat er immer erzählt", erinnert sie sich. Sie habe Kocher und Jagst sowie Berlichingen, den Geburtsort ihres Vaters, und Braunsbach, wo er Lehrer war, so schon früh vor Augen gehabt.

Simon Berlinger habe nie Hass empfunden, weil er Deutschland verlassen musste. "Er hat nur sehr gelitten. Er wollte nicht gehen. Aber die Leute sagten ihm: Auch wenn es dir schwer fällt, du musst raus." Edna Bodan erinnert sich, dass die Liebe ihrer Eltern zu Deutschland für sie als kleines Kind nicht immer ganz verständlich war. "Meine Mutter hat nur deutsch mit uns geredet. Aber ich wollte nicht deutsch reden, für uns waren die Deutschen die Nazis", erzählt sie und schüttelt den Kopf.

Die deutsche Kultur hätten ihre Eltern eben im Blut gehabt. "Mein Vater war liberal, und wir haben das auch verstanden", so Bodan. Bei Freunden habe das keine Probleme gegeben, schließlich seien sie auch deutsche Juden gewesen. Heute vermittelt sie ihrer Familie diese Nähe zu Deutschland. Sie selbst wurde 1951 in Haifa geboren und war als Sozialarbeiterin tätig. "Wir sind schon israelisch, und mein Mann stammt von dort", sagt sie und freut sich nun darüber, dass ihre Kinder und ihr Mann sie nach Braunsbach begleitet haben.

Nurit Kahana wurde kurz nach der Flucht 1948 geboren, ebenfalls in Haifa. Sie hat als Journalistin gearbeitet. "Ich finde es wunderbar, dass mein Vater den Dialog mit Deutschen begonnen hat", sagt sie mit einem Lächeln auf den Lippen. Das sei auch für die Seele Simon Berlingers wichtig gewesen. "Es war sehr positiv für ihn. Es war eine Art Heilung", meint seine Tochter.

Dabei habe er zur Zeit der Nazis viel Leid erlitten - und hatte auch Angst. Das betraf vor allem sein Augenlicht. Er konnte auf einem Auge schon sehr schlecht sehen. "Er hatte immer Angst, dass er durch die Nazis sein zweites Auge verliert. Als Blinder im KZ wäre das sein Todesurteil gewesen", so Nurit Kahana. Und dann sei da auch noch der Moment gewesen, als es trotz der Liebe zu seiner Heimat zum Schnitt mit ihr kam. "Leben, Atmosphäre, Essen, alles hat er hinter sich lassen müssen", berichtet sie aus seinen Erzählungen. Und dabei hätten Juden und Deutsche doch so lange zusammen gelebt.

Edna Bodan hat die Stirn in Falten gelegt: "Man kann das einfach nicht verstehen, wie Menschen so etwas damals tun konnten." Heute erführen sie und ihre Familie so viel Freundschaft, wenn sie nach Deutschland kämen. "Hier sind einfach unsere Wurzeln", sagt sie.

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