Mehr als Freunde treffen und Freundschaften knüpfen

Zum zweiten Mal hat der Verein Hundertprozent zu einem Welcome Dinner Hohenlohe eingeladen – ein Abend ganz im Zeichen der Völkerverständigung.

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Schupfnudeln mit Sauerkraut, dazu Hummus, Bulgur und diverse Salate – dieser bunte Speisenmix steht irgendwie symbolisch für den ganzen Abend mit rund 100 Gästen.  Foto: 

Für den ergreifendsten wie bemerkenswertesten Moment des Abends sorgte der kleine Mohammed, als er sich kurz vor Ende der Veranstaltung auf die Bühne stellte und ein Lied sang. Ein arabisches Lied über Kinder im Krieg, so herzzerreißend gesungen, dass es gespenstisch still wurde im Saal. Der junge Sänger, selbst zu Tränen gerührt, erzählte im Anschluss an das Lied, dass er an seine Heimat Dara denken musste. Und an die toten Menschen dort. Ein Moment, der im Gedächtnis haften bleibt.

Doch es ging nicht nur so traurig zu, beim zweiten Welcome Dinner Hohenlohe, das der Blaufeldener Verein Hundertprozent am Freitagabend im Spektrum veranstaltete: Für beste Unterhaltung zwischen all der Ernsthaftigkeit sorgte der kurze Hohenlohisch-Kurs von Kurt Klawitter.

„Souu!“ machen die Flüchtlinge

Und wer, wenn nicht „D’r Hohenloher“ höchstselbst, wüsste besser, dass die ultimative Antwort zwischen Schwäbisch Hall und Bad Mergentheim nur „Souu!“ lauten kann – wobei man, des Dialekts wegen, einfach den Unterkiefer so weit wie möglich nach vorne schieben muss. Manche der Geflüchteten unter den Gästen probierten es jedenfalls gleich aus, was für Gelächter sorgte.

Schupfnudeln mit Sauerkraut, dazu Hummus, Bulgur und diverse Salate – dieser bunte Speisenmix stand symbolisch für den Abend ganz im Zeichen der Völkerverständigung. Rund 100 Gäste kamen zusammen, etwa die Hälfte davon waren Geflüchtete. Vertreter der Gemeinde Blaufelden suchte man diesmal zwar vergeblich auf der Gästeliste, die Veranstaltung war dennoch prominent besetzt. So gab sich der SPD-Kreisvorsitzende Nikolaos Sakellariou ebenso die Ehre wie Daniel Bullinger (FDP), Bürgermeister aus Oberrot. Als Vertreter der Kirchengemeinde und des Freundeskreises Asyl Blaufelden sprach Pfarrer Marcus Götz.

„Es ist jetzt umso wichtiger, alle an einen Tisch zu bringen, wieder enger zusammenzurücken.“
- Roland Hertlein, Vorsitzender von Hundertprozent

Die Intention des Abends wurde schon in der Begrüßungsrede des Hundertprozent-Vorsitzenden Roland Hertlein deutlich, die Julia Klawitter auf Englisch übersetzte. Bezogen auf den Spruch „Wir schaffen das!“ der Bundeskanzlerin stellte Hertlein fest: Wir schaffen es nicht, „wenn sich Asylverfahren über Monate erstrecken und die jungen Menschen so lange zum Nichtstun verdammt sind; wenn Städte und Gemeinden mit den finanziellen und ideellen Lasten der Integration allein gelassen werden; wenn einige Flüchtlinge massive Straftaten begehen und das Asylrecht schamlos ausnutzen, dies ohne ernsthafte Folgen bleibt und alle Flüchtlinge damit in Misskredit gebracht werden; wenn der rechte Mob auf die Straßen zieht und Flüchtlingsunterkünfte anzündet oder wenn im Internet fern jeder Tatsachen gehetzt wird.“

Ohne die rosarote Brille

Für Hertlein ist die Gesellschaft inzwischen nachhaltig und spürbar gespalten. „Deshalb ist es jetzt umso wichtiger, alle an einen Tisch zu bringen, wieder enger zusammenzurücken, entschieden anzupacken. Nur da, wo man einander zuhört, sich gegenseitig respektiert und zusammenarbeitet, kann man Probleme dieser Größenordnung überwinden.“

Vieles war sehr emotional an diesem Abend. Und als die Bilder von den privaten Welcome-Dinnern des vergangenen Jahres gezeigt wurden, wurde deutlich, wie Integration funktionieren kann. Bullinger pflichtete den Veranstaltern in seiner Rede bei: „Wir Politiker können nur einen gewissen Teil zur Integration beitragen – ohne freiwillige Helfer wäre eine Integration nicht möglich.“ Deshalb seien Abende wie dieser auch so wichtig. „Man darf aber trotz der Erfolge in der Vergangenheit nicht die rosarote Brille aufsetzen“, dazu gäbe es noch zu viele Unwägbarkeiten und zu viele Missstände. Sakellariou betonte, dass der Frieden, „in dem wir aufgewachsen sind, eben nicht selbstverständlich ist, sondern etwas, um das man kämpfen muss. Dort, wo nationale Interessen im Mittelpunkt stehen, ist die Gefahr für Krieg am größten.“

Am Ende seiner kritischen, aber dennoch optimistischen Rede hatte Sakellariou für die Veranstalter noch einen humorvoll gemeinten Verbesserungsvorschlag parat: nämlich den, echten Hohenloher Mouschd zu servieren, „wenn unseren neuen Bürgern schon der Mund wässrig gemacht wird“.

Hundertprozent ist ein junger Verein aus Hohenlohe, bei dem der Name Programm ist. Die Spenden kommen zu einhundert Prozent bei den Projekten aus Haiti, Südafrika, Berlin und Hohenlohe an. Weitere Informationen unter www.hundertprozent.org

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