Mann, emanzipier Dich!

Männer in Frauenberufen sind immer noch Exoten. Ein Aufbrechen von Rollenklischees in den Köpfen sollte deshalb ins Bewusstsein der Gesellschaft rücken.

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Männer, die als Erzieher in einer Kindertagesstätte arbeiten, sind nach wie vor eine Ausnahmeerscheinung.  Foto: 

Auch wenn Geschlechtergerechtigkeit immer mehr in den Fokus der Gesellschaft rückt, Lohngerechtigkeit diskutiert wird und das Handwerk zupackende Frauen und Pflegedienste männliche Helden suchen, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, zeichnet die Realität ein klares Bild ab: Rollenklischees in der Arbeitswelt gibt es immer noch und sie stecken in den Köpfen auch der jungen Generation. Nur so lässt sich erklären, wie die Zahlen zustande kommen, die die AOK im April dieses Jahres veröffentlichte. „Knapp die Hälfte aller Männer und mehr als ein Drittel der Frauen arbeiten in Berufen, die zu 80 Prozent vom eigenen Geschlecht dominiert werden“, heißt es dort zusammenfassend.

Weniger Wahlmöglichkeiten

Heißt also, es gibt sie tatsächlich die Männer- und Frauenberufe. Googelt man Frauenberufe, taucht gar ein ganzer Wikipedia-Eintrag auf, der Pflege-, Reinigungs-, Kindererziehungs- und Schönheitsberufe als sogenannte Frauenberufe auflistet und als Charaktermerkmale des Frauenberufes Merkmale wie geringe Qualifikation, geringes Entgelt und schlechtere Arbeitsbedingungen auflistet, wie Teilzeitbeschäftigung und geringes Einkommen.

Es ist also kein Wunder, dass Männer sich noch seltener für diese Berufe entscheiden, als Frauen für sogenannte Männerberufe. Ute Stephan ist als systematischer Coach mit diesem Phänomen vertraut und befasst sich in diversen Vorträgen mit Geschlechterunterschieden und unterschiedlichen Führungsstilen.

„Männer haben nicht so viele Wahlmöglichkeiten“, ist auf den ersten Blick eine These von ihr, die aufhorchen lässt. Doch ihre Erklärung für diese These ist simpel: „Männer sollen in den Köpfen immer noch Haupt­ernährer sein, obwohl das heute gar nicht mehr so sein muss und dennoch fühlen sie sich verpflichtet, diese Rolle zu wählen.“ Das würde bedeuten, dass viele Männer ihren Beruf nicht nach Stärken und Neigung wählen, sondern sich einem gesellschaftlichen Zwang unterwerfen aus dem menschlichen Ansinnen heraus, für Gerechtigkeit zu sorgen nach dem Motto: „Wenn Frauen die Kinder auf die Welt bringen, müssen sie dann auch noch das meiste Geld verdienen?“

Die Crux ist, dass es nicht das andere Geschlecht ist, dass Männer in diese Rolle drängt, sondern sie selbst. „Männer müssen sich emanzipieren wollen“, sagt Ute Stephan, obwohl sie genau weiß, was das für Männer bedeuten kann und von ihnen verlangt, nämlich die bewusste Rolle des Außenseiters einzunehmen, der sich mit Klischees und Vorurteilen konfrontiert sieht, die an der Männlichkeit gehörig kratzen können.

„Männer haben in dieser Situation zwei Möglichkeiten. Sie können sich komplett anpassen oder sie können den männlichen Blickwinkel beibehalten und die Situation bewusst annehmen“, führt die Expertin aus. Für die zweite Möglichkeit hat sich Christof Haug entschieden. Seit sieben Jahren ist der 66-Jährige aus Crailsheim Tagesvater und Mitglied im Tagesmütterverein. Er übt also einen der typischen Frauenberufe aus. Ablehnung ist ihm in diesen Jahren nie begegnet, was einerseits sicher mit seinem erfahrenen Alter zusammenhängt und seiner Lebenserfahrung als Vater von vier Kindern, aber auch mit der Art, wie er den Beruf für sich ausgelegt hat.

Ganz bewusst hat er sich gegen die Betreuung von Kleinkindern entschieden, um dort als Tagesvater zu arbeiten, wo seiner Meinung nach Bedarf war. Deshalb betreut er vor allem Jungs in Kurzzeit, die nicht nur Betreuung in einem familiären Umfeld, sondern auch ein männliches Vorbild brauchen. Meist werden sie ihm vom Jugendamt, den psychologischen Beratungsstellen oder von den Offenen Hilfen vermittelt und er betreut sie manchmal bis ins junge Erwachsenenalter. „Ich werde nicht abgelehnt, nur weil ich ein Mann bin, im Gegenteil, männliche Vorbilder sind gefragt“, sagt er.

Blinkwinkel ändern

Von Frauen wird er in der Regel gelobt und anerkannt und auch in seinem Umfeld stößt die Berufswahl nur auf positiven Zuspruch. Dennoch kennt er die typischen Sprüche seiner Geschlechtsgenossen. „Meistens höre ich Sätze wie, das könnte ich nicht oder für mich wäre das nichts, aber meistens wird es anerkannt als mutig und fortschrittlich.“

Damit bestätigt er indirekt, was auch Ute Stephan sagt: „Jedes Geschlecht ist eine Gemeinschaft und wenn sich einer aus dieser Gemeinschaft entfernt, reagiert die Gegenseite mit Neugier und die eigene Gruppe stellt seine Zugehörigkeit in Frage und kritisiert. Das hat viel damit zu tun, wie Dinge in den Köpfen der Menschen zu sein haben.“ In diesem Prozess sieht sie aber auch eine Möglichkeit, Dinge anders zu betrachten, da es keine vorgegebenen Handlungsweisen gibt, sondern Ausrichtungen und Stärken neu definiert und erkundet werden können, wenn man sich von vertrautem Terrain entfernt.

Wünschen würde sie sich, dass die Geschlechter statt gegeneinander, in Zukunft Hand in Hand arbeiten: „Im Moment ist da ein krasser Energieverlust, doch es sollte nicht um Machtkämpfe gehen, sondern um das Vereinen von Stärken“, formuliert sie ihren Denkansatz.

Geld ist hier sicherlich ein Faktor, der die Arbeit von Frauen und damit auch automatisch die sogenannten Frauenberufe aufwerten würde, denn tatsächlich entscheidet man sich mit dem Frauenberuf eben in den meisten Fällen doch für das geringere Gehalt (siehe Infokasten).

Das bestätigt auch der Crailsheimer Tagesvater Christof Haug: „Ich mache das ganz sicher nicht wegen des Geldverdienens“, sagt er, fügt aber sofort an: „Das passt zu mir, ich kann das und es macht mich glücklich.“

Von 2006 bis 2016 ist der durchschnittliche Bruttostundenverdienst in Deutschland (in Euro) bei Männern/Frauen kontinuierlich gestiegen von 17,90/13,91 auf 20,71/16,26; die Gehaltslücke (GenderPay Gap) ist aber nur leicht gefallen von 23 % auf­   ­21 %. Gründe für die Gehaltslücke sind Faktoren wie geringer bezahlte typische Frauenberufe, niedrigere Positionen, mehr Teilzeitarbeit, geringeres Dienstalter. Diese Faktoren bewirken etwa zwei Drittel der Gehaltslücke, das restliche Drittel resultiert daraus, dass Frauen trotz vergleichbarer Tätigkeit und Qualifikation schlechter bezahlt werden. juvo

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