Lernen im echten Leben

Seit Beginn des neuen Schuljahrs gibt es in Kreßberg die Schule für freie Entfaltung Schloss Tempelhof. Hier lernen Kinder und Jugendliche selbstbestimmt in offener Unterrichtsform.

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Seit ein paar Wochen wird an der Tempelhofer Schule unterrichtet. Privatfoto

Lelia und Luisa sitzen auf dem Boden in der Ecke des Raumes, die als Mathematikbereich eingerichtet ist. Konzentriert schreibt Lelia Buchstaben auf ein Blatt. Luisa sortiert derweil ein Kartenspiel. Sie legt Zahlenreihen. Die beiden sechsjährigen Mädchen lernen in der Schule für freie Entfaltung Schloss Tempelhof selbstbestimmt, freiwillig und ganz ohne Druck. Kein Lehrer stellt ihnen eine Aufgabe, keine Klassenarbeit macht ihnen Angst, keine Note beurteilt ihre Leistung. Die Schule ist in jede Richtung offen: Es gibt keine altershomogenen Klassen, keinen festen Stundenplan, nicht einmal die Beschränkung auf das Schulhaus. Auf einer Magnetwand im Flur markieren die Kinder und Jugendlichen, an welchem Lernort sie gerade zu finden sind.

Die 21 Schüler zwischen fünf und 16 Jahren entscheiden selber, was sie wann mit wem und in welcher Form lernen möchten. "Bildung entfaltet sich aus einem inneren Bedürfnis heraus. Der Impuls geht vom Kind aus", erklärt Susanne Drothler. Neben der pädagogischen Schulleiterin stehen den Schülern zwei weitere Lernbegleiter, ein Supervisor und viele Dorfbewohner als ehrenamtliche Lernbegleiter zur Verfügung, wenn dies von den Kindern gewünscht wird. Das kommt häufig vor: Zwei Mädchen lernen gerade nähen in einem Werkraum außerhalb der Schule, einige Kinder wollen in der Backstube erfahren, wie Kuchen gebacken wird, eine Jugendliche hat sich zum Erlernen der russischen Sprache einen Experten im Dorf gesucht. "Es gibt keine festen Unterrichtsstunden in Mathe, Deutsch oder Naturwissenschaften an unserer Schule. Das Lernen ist stets ins praktische Tun integriert und findet im echten Leben statt. Das ganze Dorf wird dabei zur Schule", berichtet Marie Luise Stiefel aus dem Vorstand der Vereins Tempelhof, der die Trägerschaft der privaten Grund- und Werkrealschule übernommen hat. In den ersten drei Jahren gibt es keine staatlichen Zuschüsse. Die Finanzierung erfolgt über die Dorfgemeinschaft und ein Schulgeld der Eltern. Auch die Renovierung des Schulgebäudes, die Gestaltung der Außenanlagen und die Ausstattung hat die Dorfgemeinschaft übernommen.

Die Idee, am Tempelhof eine Schule mit besonderem pädagogischen Konzept zu eröffnen, ist schon genauso alt wie die Gemeinschaft selbst. Vor drei Jahren wurde das erste Konzept geschrieben, das in einem Antrag auf Schulgründung mündete. Im vergangenen Sommer wurde dieser Antrag abgelehnt. Parallel verfolgte die Planungsgruppe die Idee einer Kooperation mit der Schule am Kreßberg. Die Tempelhof-Schule sollte im Rahmen der Gemeinschaftsschul-Bestrebungen der Marktlustenauer Grund- und Werkrealschule als Außenklasse laufen. Auch hierfür gab es keine Genehmigung.

Doch die Tempelhofer gaben nicht auf. Das überarbeitete Konzept, nun erweitert um ein pädagogisches und ein juristisches Gutachten, hatte schließlich Erfolg. Am letzten Tag der Sommerferien kam die Genehmigung. Am Montag darauf begann der Schulbetrieb - zunächst nur mit Kindern, die auf dem Tempelhof leben. Am 31. Oktober findet die offizielle Einweihung statt.

Ab kommendem Schuljahr können auch Kinder aus der Region aufgenommen werden. "Wir sind kein Inselprojekt und offen für Kooperationen", sagt Supervisor Bachmann und ergänzt: "Vieles, was wir machen, gibt es bereits an anderen Schulen. An staatlichen Schulen gibt es jedoch oft Grenzen. Bei uns sind sie nahezu aufgehoben."

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