Langenburger Windpark-Gegner: Stopp aller Projekte gefordert

Der Gegensatz könnte kaum größer sein: Staatliche Stellen sehen keine Gefahr in Sachen Windkraft und Infraschall. Mediziner wie Dr. Bernhard Voigt läuten dagegen die Alarmglocken - wie jetzt in Langenburg.

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  • Berichteten in Langenburg über ihre Erfahrungen in Sachen Infraschall und Windkraft (von links): Dr. Bernhard Voigt, Sylke Müller-Althauser und Michael Karbach. 1/2
    Berichteten in Langenburg über ihre Erfahrungen in Sachen Infraschall und Windkraft (von links): Dr. Bernhard Voigt, Sylke Müller-Althauser und Michael Karbach.
  • Auf einer Karte markierten Windpark-Gegner die Standorte aller gebauten, genehmigten und geplanten Windräder in Hohenlohe. Fotos: Harald Zigan 2/2
    Auf einer Karte markierten Windpark-Gegner die Standorte aller gebauten, genehmigten und geplanten Windräder in Hohenlohe. Fotos: Harald Zigan
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In der Stadthalle zu Langenburg brachte Bürgermeister Wolfgang Class bei einem Info-Abend der örtlichen Windpark-Gegner das Dilemma auf den Punkt: "Für neutrale Bürger ist es nicht gerade einfach, die Wahrheit herauszufiltern - sofern es sie überhaupt gibt."

Schon im November 2014 gab die Stuttgarter Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz (LUBW) nebst Dr. Caroline Herr vom Bayerischen Landesamt für Gesundheit bei einem "Dialogforum" des Umweltministeriums in Langenburg weithin Entwarnung: Es sei, so der damalige Tenor, doch sehr unwahrscheinlich, dass Infraschall die Gesundheit beeinträchtige.

Und die LUBW hat in einer Studie herausgefunden, dass der Infraschallpegel bereits im Nahbereich zwischen 150 und 300 Metern rings um Windmühlen "deutlich unterhalb der menschlichen Wahrnehmungsschwelle" von rund 20 Hertz liege und es zudem ab 700 Metern Abstand keinen nennenswerten Unterschied mehr mache, ob sich die Rotoren drehen oder nicht.

Unhörbar bedeutet aber noch lange nicht, dass der tieffrequente Infraschall nicht spürbar ist - zum Beispiel als Vibration auf der Haut. Dr. Bernhard Voigt aus Gaggenau widmet sich genau diesen körperlichen Folgen und führt "über 100 Studien" dafür ins Feld, dass Infraschallwellen nicht nur über Distanzen von bis zu 50 (!) Kilometern hinweg getragen werden, sondern "unzweifelhaft" auch für Schlafstörungen und Kopfschmerzen bis hin zu Depressionen verantwortlich gemacht werden können. 30 bis 50 Prozent aller Menschen in Windradnähe seien dafür empfänglich.

Der Arbeitsmediziner, ganz gewiss kein esoterischer Spinner, lieferte auch gleich das Motiv dafür, warum staatliche Behörden die Gefahren durch Infraschall "beschönigen und verschleiern": Würde man nämlich die "medizinischen Tatsachen ernst nehmen, dann müsste man die Abstände zu den Rotoren wesentlich vergrößern" (wie zum Beispiel auf 2500 Meter wie in den USA) und "man könnte dann auch keine 1200 neuen Windräder in Baden-Württemberg mehr planen". Geradezu erschütternd waren die Erfahrungsberichte von Sylke Müller-Althauser ("Wir sitzen schon im Hauptfilm der Energiewende, die Hohenloher noch im Vorfilm") und Michael Karbach aus dem Rhein-Hunsrück-Kreis, wo derzeit 306 Windräder gebaut, genehmigt oder geplant sind: Der Nachthimmel gleiche dort rundum einem Las Vegas mit wild blinkenden Rotlichtern, das unablässige Gebrumme der Rotoren sei unerträglich.

Um die Verwandlung "unserer Hohenloher Heimat in ein lärmendes Windkraft-Industriegebiet" zu verhindern, forderte Klaus Neidlein aus Atzenrod als Sprecher der Langenburger Windpark-Gegner einen Planungsstopp bis zur eindeutigen Klärung der Infraschall-Problematik, einen Abstand von mindestens 2000 Metern zwischen Rotoren und ausnahmslos allen Anwohnern sowie einen generellen Verzicht auf Standorte im Wald.

Windpark im Brüchlinger Wald auf zwölf Anlagen reduziert

Rotorenschwund: Die ENBW plant laut Bürgermeister Wolfgang Class aus Langenburg nur noch zwölf Windräder auf einem derzeit 511 Hektar großen Areal im Brüchlinger Wald, davon zwei Windmühlen auf der Gemarkung von Blaufelden. Der Energiekonzern habe sich nach einer Ausschreibung für Anlagen des dänischen Herstellers Vestas vom Typ V 126 (Gesamthöhe 200 Meter, 3300 Kilowatt Nennleistung) entschieden. Ursprünglich war von 24 Windmühlen in diesem Waldgebiet die Rede. Der Gemeinderat, so Class, könne wohl erst im Juni über die Bedenken zu diesem Projekt beraten. "Auf jeden Fall" werde es aber zu einer weiteren Reduzierung der Fläche kommen - mitsamt einer erneuten öffentlichen Auslegung des einschlägigen Flächennutzungsplanes.

Schlechter Stil: Niedergebrüllt und ausgepfiffen wurde der LUBW-Physiker Ulrich Ratzel von gut einem Dutzend der 300 Besucher in Langenburg, als er auf "zwölf schlichtweg falsche Punkte" (darunter gefilterte Zitate von Experten und fragwürdige Studien) im Vortrag von Dr. Bernhard Voigt reagieren wollte. Nach wenigen Minuten wurde Ratzel das Mikro abgenommen.

HAZ

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