Kooperation statt Konkurrenz

"Kooperation statt Konkurrenz" lautete am Wochenende das Leitmotto in der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof. Ein Höhepunkt war der Vortrag des österreichischen Publizisten Christian Felber.

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Wie viel mehr darf ein Spitzenverdiener gegenüber einem Arbeiter mit Mindestlohn bekommen, damit es noch gerechtfertigt ist? Das war eine Frage, die am Samstag beim Vortrag Christian Felbers zum Thema "Gemeinwohlökonomie" zur Debatte stand. Im kurzen Planspiel "Demokratiekonvent" stellte Felber einen Monatsmindestlohn von 1200 Euro - sowohl für die leichteste als auch schwerste Arbeit bei gleicher Wochenarbeitszeit und identischen Lebenshaltungskosten - in den Raum, beziehungsweise die Turnhalle des Tempelhofs.

Im Konvent empfand die Mehrheit der Gäste das Sechsfache des Mindestlohns als gerecht. "Im Durchschnitt stößt der zehnfache Wert auf den geringsten Widerstand", informierte Felber, der auch als Dozent an der Universität tätig ist und Vorträge vor Geschäftsleuten hält, die keinen alternativen Lebensstil verfolgen. "Als höchster Wert wurde der Faktor 30 akzeptiert, als niedrigster 3."

Als ein Zuhörer am Samstagabend den Faktor 1000 vorschlug, löste dies leichte Empörung im Saal aus. Dabei ist dieser im Vergleich zu den reellen Einkommensunterschieden äußerst harmlos, wie die Zuhörer wenig später erfuhren. So bekommt ein US-Hedgefond-Manager mal locker das 360 000-fache, wie Felber anhand einer Grafik in seiner Präsentation zeigte.

"Es gibt keine Verfassung oder Religion, die den Wettbewerb als Ziel sieht. Das Ziel ist das Gemeinwohl", zeigte Felber. Die Marktwirtschaftsform der "Gemeinwohlökonomie" ist also nichts Abstraktes, sondern eine Ökonomie, die einfach wieder die Waage zwischen dem, was im Artikel 1 des Grundgesetzes verankert ist und den Wirtschaftsgesetzen, die aktuell im Widerspruch dazu stehen, herstellen will. "Die bestehenden Systemspielregeln, Konkurrenz und Gewinnstreben, müssen zur Kooperation Gemeinwohlstreben werden", sinnierten Felber und die Anhänger dieses Wirtschaftsmodells, zu denen inzwischen schon 720 Unternehmen aus 15 Staaten, einige Gemeinden und Privatpersonen in verschiedenen sogenannten Energiefeldern gehören. Wie Felber sehen sie den Erfolg in Kooperation und Empathie statt in Konkurrenz- oder gar "Kontrakurrenz"-Denken.

"Das Bruttoinlandsprodukt sagt nichts darüber aus, ob in einem Land alle im Wohlstand leben oder ein Teil der Bevölkerung hungert", kritisiert der Publizist und Mitbegründer der ATTAC-Bewegung in Österreich. Ebenso wenig gebe der Finanzgewinn eines Unternehmens Auskunft darüber, ob es sich unethisch verhält oder sich um Nachhaltigkeit bemüht.

"Faire Produkte sind oft teurer als unfaire", bedauerte Felber. Die "Gemeinwohlökonomie" sehe daher beispielsweise vor, Produkte mit einem Code auszustatten, der über die Gemeinwohlbilanz Auskunft gibt. Abrufbar sei dies über eine Handy-App, ähnlich der, mit der QR- oder Barcodes gescannt werden. Dass Felber mit diesem Modell nicht auf verlorenem Posten steht, zeigen auch Bewegungen wie "Occupy" oder das allgemein wachsende Interesse an Nachhaltigkeit.

Bei den rund 150 Zuhörern löste das alternative Modell ohnehin Begeisterung und angeregte Diskussionen aus. Vor allem, da sich am Wochenende alles um die "Ökonomie des Herzens" drehte. Eine These, die nur auf den ersten Blick paradox ist, wie Agnes Schuster, Roman Huber und Wolfgang Sechser von Schloss Tempelhof erläutern. Wenn jedoch Ökonomie nicht als monetärer, sondern sozialer Prozess gesehen werde, bei dem Fähigkeiten "gehandelt" werden, ist dies gar nicht mehr so absurd.

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