Kerze an, Handy aus

Erneut werden alte Zeiten im Freilandmuseum zum Leben erweckt. Menschen, deren Leidenschaft die Geschichte ist, kommen nach Wackershofen und nehmen die Besucher mit ins 18. Jahrhundert.

|
Vorherige Inhalte
  • Zeitreise: Rechts stehen Besucher in heutiger Kleidung, sie beobachten Geschichtsfans, die in Kostümen vergangener Zeiten auftreten. 1/2
    Zeitreise: Rechts stehen Besucher in heutiger Kleidung, sie beobachten Geschichtsfans, die in Kostümen vergangener Zeiten auftreten.
  • Zwei Frauen in historischer Tracht bereiten Speisen zu. Die Besucher können ihnen im Freilandmuseum über die Schulter schauen. Fotos: Ufuk Arslan 2/2
    Zwei Frauen in historischer Tracht bereiten Speisen zu. Die Besucher können ihnen im Freilandmuseum über die Schulter schauen. Fotos: Ufuk Arslan
Nächste Inhalte

Spinne am Morgen bringt Kummer und Sorgen, Spinne am Abend erquickend und labend. "Damit ist nicht das Tier gemeint, sondern die Tätigkeit", erklärt die junge Frau am Spinnrad. Im 18. Jahrhundert hätten sich die Frauen durch Spinnen am Abend etwas dazu verdient. Wer schon morgens Fäden spann, dem musste es richtig schlecht gegangen sein.

Die Frau sitzt in der Gaststube des Steigenhauses. An anderen Tischen sitzen Mägde, entkernen Zwetschgen und schneiden Mangold klein. Der Wirt raucht eine lange Holzpfeife. An einem Tisch mit weißer Tischdecke, silbernen Tellern und gefüllten Weingläsern sitzen der Amtsmann, der Pfarrer und der soeben per Pferd eingetroffene Chirurgus. Die Rollen gehören zu der Geschichte, die sich 1749 hier zugetragen hat: Landfriedensbruch an der Roten Steige.

Sie sind keine Schauspieler, man kann sie ansprechen oder einfach nur zuhören, was sie sich erzählen. Ansprechen lohnt, denn dann erfährt man, was sich einst zugetragen hat oder wie das Leben damals so spielte. Zum Beispiel in der Küche, wo die Mägde mit einem Schneebesen aus Weiden Eischnee steif schlagen. Eine Stunde brauchen sie, um die 20 Eier fest zu bekommen. Es gibt Blooz, süß und herzhaft, die Rezepte sind nicht viel anders wie die heutigen. Zucker war kostbar, darum musste der Kuchen manchmal mit etwas weniger auskommen. Zitronenrädchen gehörten zu vielen Gerichten. Aber die konnten sich nur die reichen Leute leisten. Überhaupt Zitronen: Das Inhaltsverzeichnis des Stuttgarter Kochbuchs von 1798 reiht eine Seite lang Gerichte mit der Zitrusfrucht auf. Die Köchinnen, die mit ihren weiten Röcken den Raum um die Feuerstelle ausfüllen, kochen für die Akteure, die sich drei Tage lang an dieser "Living History" ("Lebendige Geschichte") beteiligen. Sie kommen aus ganz Deutschland, vor allem aus dem Süden. Viele von ihnen ziehen sich regelmäßig ihre Kleider, Halstücher, Schürzen, Clogs, Gehröcke und Dreispitze an, um eine Zeitreise in ein anderes Jahrhundert zu machen.

Am Backofen vor dem Steigenhaus steht der Pfarrer neben seiner Frau, die vor einem Publikum neugieriger Kinder Hefezöpfe flechtet. "Sie sind sicher oft auf Mittelaltermärkten?", fragt ein Besucher. Falsches Stichwort. "Das ist fast eine Schimpfbezeichnung. Auf diesen Mittelaltermärkten turnt alles querbeet rum, ein Sammelsurium von Epochen, die nicht zusammen gehören", klärt der Mann im schwarzen Gehrock und blütenweißen Halstuch auf. "Reenactement" oder "Living History" heißen die Veranstaltungen, auf denen sich die Leute, die am Wochenende in Wackershofen sind, bewegen. Es macht ihnen Spaß, in die Kostüme zu schlüpfen, auf alte Art zu handwerken und zu kochen, Pfeife zu rauchen, Karten zu spielen und Wäsche zu waschen. Sie erleben das Leid der zu schweren Kleiderstoffe, das Jucken der Perücke, den Hunger nach anstrengender Arbeit, das Warten auf den morgendlichen Kaffee, der auf der offenen Flamme Weile hat. "Aber man kann sich nicht vorgaukeln, tatsächlich im 18. Jahrhundert zu leben", sagt der Pfarrer, der im echten Leben auch Pfarrer ist, in Passau. "Ich weiß, dass da draußen mein Auto steht und dass ich daheim den Lichtschalter betätige und es warm wird, wenn ich an der Heizung drehe."

Das sagt auch der Zimmermann, der vor der Schmiede das Schleifrad justiert. "Ehrlich gesagt, ich freue mich auch darauf, wenn ich nach ein paar Tagen hier mein Handy wieder benutze und in der Dusche warmes Wasser läuft." Aber genau diese Erfahrungen der Einfachheit stellen den Reiz dar. "Wir sehnen uns nach der Freiheit und der Unabhängigkeit. Frei zu sein von sozialen Zwängen unserer Zeit und unabhängig von Strom."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Schwäbisch Hall: Kahlschlag in Spielhallen-Branche

Der gesetzlich eingeführte Mindestabstand von 500 Metern für Spielcasinos hat auch Folgen in Hall. weiter lesen