Kenner der "guten alten Zeit"

Hätte Karl Bernlöhr für eine Woche in die Haut eines anderen schlüpfen können, wäre es Leonardo da Vinci gewesen. Denn der Heimatforscher bewunderte den berühmten Gelehrten für sein malerisches Talent.

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  • Heimatforscher Karl Bernlöhr (rechts) wird im September 1999 mit einer Straßenbenennung geehrt. Bürgermeister Siegfried Trittner gratuliert. Archivfoto: Sigrun Leicht 1/2
    Heimatforscher Karl Bernlöhr (rechts) wird im September 1999 mit einer Straßenbenennung geehrt. Bürgermeister Siegfried Trittner gratuliert. Archivfoto: Sigrun Leicht
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Viele verdiente Persönlichkeiten, nach denen Straßen benannt werden, bekommen diese Würdigung ihrer Person nicht mehr mit, weil sie zuvor gestorben sind. Beim Heimatforscher Karl Bernlöhr wars anders. Als die Gemeinde Obersontheim im Teilort Oberfischach im September 1999 eine Siedlungsstraße nach ihm benannte, nahm er die Glückwünsche von Bürgermeister Siegfried Trittner entgegen. Danach hörte er mit an, wie der Schultes sein unermüdliches "Herumschmökern in alten Büchern" und die intensive Auseinandersetzung mit der Heimatgeschichte hervorhob. Bernlöhrs Schaffen und seine fundierten Kenntnisse der Lokalgeschichte seien von "unschätzbarem Wert für die Gemeinde", sagte Trittner.

Das war vor 14 Jahren. Fast genau so lange lebt Sandra Küppershaus bereits in der Karl-Bernlöhr-Straße; im eigenen Haus, zusammen mit ihrem Mann Jürgen und den vier Kindern. Von dort aus blickt die Familie in Richtung Michelbach und sieht vor allem Bäume und unberührte Natur, wenn sie aus dem Fenster schaut. "Wir wohnen sehr ruhig und schön", sagt die 44-Jährige. Über Karl Bernlöhr, den Namensgeber der Straße, in der sie wohnt, weiß sie, dass er ein Obersontheimer Bürger war, nicht aber, welche Verdienste ihm mit der Straßenbenennung angerechnet wurden. "Wir sind nur Zugezogene. Ursprünglich komme ich aus Rosengarten", sagt Sandra Küppershaus.

Karl Bernlöhr dagegen war ein Obersontheimer durch und durch. Er wurde am 3. März 1915 in Oberfischach geboren. Sein Vater war Bürgermeister und Landwirt ("Bauernschultes"). Von ihm hat Karl Bernlöhr sein Interesse für alles Landeskundliche, für die Lokalgeschichte übernommen. Sein Vater hat ihm alles gezeigt, er hat ihn mitgenommen, wenn er etwas angeschaut hat. Damit stand eines seiner Lebensthemen fest. Karl Bernlöhr arbeitete unter anderem mit am Atlas für Deutsche Volkskunde, bei der Gesellschaft zur Erhaltung und Erforschung der Kleindenkmale in Baden-Württemberg und am Heimatbuch Obersontheim. Er begründete seine Faszination für alte Schriften einmal so: "Es ist einfach interessant, wenn man weiß, wie es früher war und dass ,die gute alte Zeit oft gar nicht so gut war."

Hauptberuflich war Bernlöhr als Ingenieur tätig. Er gehörte zu den Mitbegründern der Fima in Oberfischach, wo er bis zu seiner Pensionierung 1979 arbeitete, zuletzt als Konstruktionsleiter der Maschinenbaufirma. In die Wiege gelegt worden war ihm dieses Talent nicht. Vorgesehen war eigentlich, dass er als Ältester von drei Geschwistern den elterlichen Hof übernehmen sollte. Doch das wollte er nicht, und so führte eine seiner Schwestern den Betrieb weiter.

In der Liebe hätte Karl Bernlöhr sich selbst wohl als Glückspilz beschrieben. 1938 heiratete er Gerda Schmitz aus Duisburg, die er während seiner Tätigkeit für die Esslinger Maschinenfabrik in Stuttgart kennengelernt hatte. Das Paar bekam zwei Kinder und lebte 59 Jahre in inniger Verbundenheit. Den plötzlichen Tod seiner sehr geliebten Frau bezeichnete Karl Bernlöhr einst als die dunkelste Stunde seines Lebens.

Dennoch war er mit seinem Leben zufrieden und berichtete in Zeitungsinterviews von vielen wunderbaren Momenten, die er erleben durfte. Dazu gehörte die Geburt seiner beiden Kinder ebenso wie das alltägliche Glück, das er beim Lauschen von Operetten empfand oder beim Genuss eines Sauerbratens mit Speckknödeln und auch beim Urlaub in Südtirol, wo die Besichtigung von Kirchen und Burgen auf dem Programm stand. Der Hobbyhistoriker war vielfach interessiert und begabt. Ein Talent ging ihm jedoch ab: Malen. Gerne hätte er diese Gabe besessen, wie er einmal sagte. Deshalb nannte er den italienischen Maler, Bildhauer und Gelehrten Leonardo da Vinci als Antwort auf die Frage, in wessen Haut er gerne einmal schlüpfen würde, wenn er könnte.

Karl Bernlöhr starb im November 2005 im Alter von 90 Jahren. Die kompletten Aufzeichnungen seiner jahrzehntelangen Recherche übertrug er der Gemeinde Obersontheim, ebenso seine umfassende Bibliothek, die auch viele alte und sehr wertvolle Bücher enthielt. Insofern bleibt der Gemeinde nicht nur die Erinnerung an Karl Bernlöhr, sondern auch der Wissensschatz, den er dank seiner unermüdlichen Neugier angehäuft hat.

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