Keine spritzigen Dialoge

Aus dem 1998 erschienenen Roman von Peter Stamm macht die Württembergische Landesbühne ein Zwei-Personen-Stück für junge Zuschauer. Vor allem sie spenden in Ilshofen am Ende Applaus.

|

"Ich probiere Geschichten an wie Kleider" lässt Max Frisch, der schweizerische Dramaturg und Erzähler (1911 bis 1991) seine Romanfigur Gantenbein sagen. Er skizziert mit wenigen Sätzen eindrucksvolle Situationen und entwirft ein ganzes Leben. Sein 1963 geborener Landsmann Peter Stamm eifert ihm nach und will noch einen Schritt weiter gehen: Einer lebenden Person eine Geschichte vorschreiben bis in den Tod und sehen, ob sie der Romanvorlage folgt.

Die Idee hat ihren Reiz, doch die Story bleibt in Alltagsbanalitäten stecken. Mit Agnes und ihrem namenlosen Freund finden sich zwei junge Menschen zusammen, die beide ein bis dahin ereignisloses Leben führen. Gemeinsam wird es auch nicht viel spannender. Nun soll er für Agnes eine Geschichte schreiben, "ihre Zukunft planen, wie ein Vater für seine Tochter".

Dramaturgin Katrin Enders gelingt es nicht, der Romanvorlage spritzige Dialoge für die Bühne zu entlocken. Abwechselnd mit Textpassagen in der Vergangenheitsform vorgetragen, bleiben die Gespräche hölzern. Die Darsteller Folkert Dücker und Caroline Betz üben sich in Liebesszenen, doch Leidenschaft hält Regisseurin Annette Dorothea Weber nicht für sie bereit. Das Bühnenbild von Julia Schiller mit einer weißen Wohnungseinrichtung ist symptomatisch für die Angst aller Schreibenden vor der leeren Seite. Gelegentlich werfen Videofilme von Kristina Handtrack ein Farbe auf die bleichen Kulissen.

In der Geschichte geht es damit weiter, dass Agnes abweichend von seinem Manuskript schwanger wird. Doch sie erleidet eine Fehlgeburt. Nun ergäbe sich die Chance, das ungeborene Wesen in der Phantasie weiterleben zu lassen. Es kommt aber nur zu einer krankhaften Anhäufung von Teddybären, bis Agnes glaubt, beim Spielsachenkauf merkwürdig angeschaut zu werden. Das Kind wird der Konvention geopfert.

Dem erfolglosen Romanautor, der bereits eine Andere hat, wird die Sache lästig: "Es musste ein Ende finden", tippt er in sein Laptop und lässt Agnes im verschneiten Wald erfrieren. Sie liest es heimlich und verschwindet.

Höhepunkt der Geschichte könnte sein, dass sie ihren einfallslosen Schreiberling verlassen hat, um endlich ein eigenständiges und interessantes Leben zu beginnen. Es bleibt der Phantasie des Publikums überlassen. Nach anderthalb Stunden ist es vor allem die große Zahl von Schülern in der Stadthalle, die der szenischen Darstellung ihrer Pflichtlektüre Applaus spenden. An allgemeinbildenden Gymnasien in Baden-Württemberg ist "Agnes" Sternchenthema.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Italienische Lieder im Park stoßen auf große Resonanz

„Don & Giovannis“ sorgen für einen gelungenen Auftakt des Kulturwochenendes. Ganz italienisch: Tenor Andreas Winkler sucht Kontakt zum Publikum. weiter lesen