Keine Lust auf Ränkespiele

Wir treffen Alexander Brandt am Jagststeg bei Kirchberg. Ungewöhnlicher Ort, ungewöhnlicher Kandidat: Als Branchen-Neuling ist der Pirat kein abgeklärter Polit-Profi. Zu sagen hat er deshalb aber nicht weniger.

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Pirat Alexander Brandt im Gespräch mit dem HT.  Foto: 

Für das täglich Brot der Berichterstattung über die Piratenpartei ist Klischee ein gern genommener Aufstrich. Vespern wir diesen Teil also möglichst schnell ab: Ja, der hiesige Bundestagskandidat Alexander Brandt sieht mit seinem Bart und den langen Haaren aus, wie man sich einen Piraten vorstellt. Nein, er schippert nicht mit einem Smartphone über die Weltnetze, hat noch nicht einmal eines, dafür aber einen altersschwachen Hund namens Amor. Und: Nochmals nein, wir treffen uns zum Gespräch nicht an der Jagst, weil Brandt von dort in Richtung Berlin ablegen möchte, sondern, weil er am Fuße seiner Wahlheimat Kirchberg schlicht gerne spazieren geht. Ganz analog übrigens.

Klar würde Brandt allzu gerne auch in den Bundestag spazieren, aber realistisch ist das nicht: Auf der Landesliste der Piraten sucht man seinen Namen vergebens. Er müsste also schon das Direktmandat holen, um sich Parlamentarier nennen zu dürfen. So ist es ihm im Wahlkampf zunächst einmal wichtig, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen - und dabei zu zeigen, dass es den Piraten um weit mehr geht, als nur darum, möglichst kostengünstig Inhalte jedweder Art über das Internet zu teilen.

 

Tatsächlich zeigt sich Brandt in der Begegnung als keineswegs eindimensionaler politischer Kopf. Er spricht ebenso bestimmt über die Energiewende ("erneuerbare Energien müssen weiterhin subventioniert werden"; "forschen, forschen und forschen bezahlen") wie über sein Herzensthema Bildung ("Lehrer entlasten statt entlassen"; "eine 25-Tage-Ausbildung für Erzieherinnen ist ein Unding").

Vielleicht wäre er bei den Grünen oder der FDP gelandet, wäre da nicht der Fraktionszwang. "Der geht einfach nicht", sagt Brandt. Sein piratiges Gegenmodell: Politik 2.0 - weil es sich eben eingebürgert hat, dass alles, was irgendwie neu und anders und zukunftsweisend ist, ein "2.0" angehängt bekommt. Was dahintersteckt? Brandt: "Die Idee, dass Parteien dazu da sein sollten, Sinnvolles für Bürger und Land zu erreichen" - transparent, ohne politische Ränkespiele, ohne bestimmenden Einfluss von Lobbyisten. Unrealistisch? Für Brandt vielmehr "ein Ideal, das es zu erreichen gilt".

"Das Geld für ein Grundeinkommen ist eigentlich da" (Alexander Brandt)

Auch ein anderer Piraten-Vorschlag wird von politischen Gegnern gerne als Tagträumerei abgetan: das bedingungslose Grundeinkommen (BGE), also eine prinzipiell ausgezahlte staatliche Leistung für alle Bürger - "von der Geburt bis zum Ableben", wie der Kandidat aus Kirchberg betont. Er ist überzeugt: "Das Geld dafür ist eigentlich da", schließlich gingen im Sozialhaushalt riesige Summen "über den Jordan". Diese, so der Pirat, könnten über ein Grundeinkommen gerechter verteilt werden, Arbeitgeber müssten dann mehr tun, um ihre Leute zu halten, Menschen würden nicht mehr durch die Arbeitsagentur "gegängelt", eine leichte Erhöhung der Mehrwertsteuer sei im Gegenzug denkbar.

Und: Bei Menschen mit sehr hohem Einkommen werde das BGE so besteuert, dass quasi nichts davon übrig bleibe.

Noch so ein Leib- und Magenthema der Piraten ist seit jeher - also auch schon lange vor den jüngsten NSA-Ausspähenthüllungen - der Datenschutz im Internet. "Ein Unding" sei, was gerade passiere, findet Brandt, der nicht vor der unheimlichen Übermacht der Geheimdienste kapitulieren will und dem Informanten Edward Snowden allzu gerne Asyl in Deutschland gewähren würde. Er regt außerdem an, über deutsche oder europäische Dienste à la "Google" nachzudenken, bei denen das europäische Recht besser greifen würde. Die Piraten, so Brandt, veranstalteten derweil regelmäßig sogenannte "Krypto-Partys", bei denen Otto-Normal-Surfer Verschlüsselungstechniken erlernen könnten, um sich selbst zu schützen.

Ganz klar: Brandt will kein "gläserner Bürger" sein, er will stattdessen einen "gläsernen Staat". Ganz ohne Geheimnisse? "Natürlich müssen militärische Geheimnisse und alles, was Sicherheit betrifft, gewahrt bleiben", stellt er klar. Aber: "Dass das Familienministerium Studien schwärzt, die es selbst in Auftrag gegeben hat - das darf nicht passieren! Das ist aus Steuergeld finanziert!"

Selbst wenn er sich - wie jetzt - aufregt, wirkt der Kandidat recht unaufgeregt. Überraschen muss das nicht. Schließlich ist er seit zehn Jahren Mentor an der Schloss-Schule in Kirchberg - und damit eine Art Ersatz-Erziehungsberechtigter für pubertierende Internatsschüler. Er hat auch schon manch turbulenten Piraten-Parteitag hinter sich. Kurzum: "Ich habe Nerven entwickelt", sagt Brandt und lächelt. So ein bisschen Bundestags-Wahlkampf sollte da doch ein Klacks sein.

Zur Person vom 2. August 2013
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