Karfreitag - was gibts denn da zu feiern?

Die Gedanken zum Karfreitag kommen von Schuldekan Hans-Jürgen Nonnenmann aus Crailsheim.

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In Ulm hat die italienische Gemeinde in den letzten Jahren einen lebendigen Kreuzweg gestaltet, der am Münster endete. Archivfoto: Oliver Schulz

An Karfreitag denken Christen an das Sterben ihres Herrn und Heilandes Jesus Christus. Ja an was denn sonst, werden einige Leserinnen und Leser fragen. Fragen Sie doch mal beim Einkaufen oder im Bekanntenkreis, was Ihren Mitmenschen zu Karfreitag einfällt. Sie werden erstaunt sein, welche Antworten Sie bekommen. Weihnachten als Fest, an dem sich - möglichst mit Schnee und Tannenbaum - die Familie trifft und dabei auch an das Kind in der Krippe denkt, damit können viele etwas verbinden. Ostern mit Ostereiern und Osterhasen und vielleicht auch irgendwie Gedanken an Auferstehung und Wiedererwachen der Natur, das ist für manche eine wichtige Markierung nach winterlicher Kälte. "Weihnachten, das gehört allen Menschen", meinen viele Mitmenschen, auch wenn sie keiner oder einer anderen Religion angehören. Aber Karfreitag, da gibts doch nichts zu feiern. Hat das irgendetwas mit dem ganz normalen Leben zu tun oder ist das ein Tag, den besonders fromme Christen irgendwie wichtig finden? Mit Artikeln wie "Alle müssen mitleiden" oder "Ich lass dich beten, lass du mich tanzen" verbreiten Medien Stimmungslagen aus der Bevölkerung. Zunehmend beobachten sie, dass die Zustimmung sinkt, den Karfreitag als gesetzlichen Feiertag und als "Stillen Tag" im Gedenken an das Kreuz und Sterben Jesu Christi zu schützen.

Vom christlichen Verständnis aus hat Karfreitag durchaus einen alle Menschen betreffenden Charakter. Sie glauben daran, dass Jesus für alle Menschen gestorben ist. Er ist das "Lamm Gottes, das die Sünde der Welt trägt". Zugegeben: Das ist eine Sprache, die sehr viele nicht verstehen. Sie ist religiös geprägt und muss übersetzt werden. Wie könnten wir ihnen Karfreitag erklären?

An Karfreitag werden wir daran erinnert, dass in unserer Welt vieles quer läuft. Wir werden an Verrat erinnert. Freundschaften werden verraten. Der Judaskuss wurde sprichwörtlich. Gemeinsame Überzeugungen und Ziele werden verraten. Wir werden an Manipulationen der Massen erinnert. Plötzlich heißt es für einen, der als Heilsbringer bejubelt wurde: Kreuzige ihn.

An Karfreitag werden wir daran erinnert, wie verfahren und aussichtslos es auf unserer Welt zugehen kann. Scheitern und Fehlverhalten lassen sich nicht einfach rückgängig machen. Tödliche Entwicklungen gewinnen Macht und verhindern Leben. Klage und Traurigkeit ziehen in unsere kleine und große Welt ein. Ohnmacht wird zur Grundstimmung angesichts der Größe der ungelösten Themen und bedrückenden Situationen.

Wen wundert es, dass Karfreitag von vielen verdrängt und lieber abgeschafft werden möchte? Wer setzt sich freiwillig solchen Gedanken aus? Wer möchte sich Klagen und Fragen an einem gesetzlichen Feiertag aussetzen? Tanzen, ein Wochenende genießen liegt vielen näher, um sich nicht mit dem Elend beschäftigen zu müssen.

Karfreitag kann letztlich nur der feiern, der einen engen Zusammenhang seiner Notlagen und einer Aussicht auf Lösung und Erlösung entdeckt. Wir könnten in der Sprache des Glaubens auch sagen, wer Karfreitag in engem Zusammenhang mit Ostern sieht.

Es gibt ein Symbol, das diesen Zusammenhang sichtbar macht: das "Holz des Lebens". Das Kreuz, an dem Jesus hängt, hat die Form eines Baumes, der Knospen treibt, die sich zu schönen Früchten entwickeln. Geheimnis des Glaubens: Gottes Sohn nimmt das Leid der Welt wahr, nicht nur so, dass er es von der Ferne sieht, sondern so, dass er sich mitten in ihr Leid hineinbegibt, und macht, dass es in einen Neubeginn verwandelt wird. Der Todespfahl wird zum Lebensbaum. "Aus einem Horrortrip wird eine Hoffnungsgeschichte." Karfreitag als Gedenktag zur Bearbeitung und Überwindung unserer Traumata. Das ist wirklich ein Thema, das alle und alles auf unserer Erde betrifft. Dafür sollte uns ein Tag des nachdenklichen Feierns und Innehaltens wert sein. Gott sei Dank, dass aus der Stille des Todes seines Sohnes Ostern wurde. Gott sei Dank, dass nach Not und Tod das Leben fröhliche Auferstehung feiern darf. Auch bei uns.

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