Kämmerer Rudolf Wengert aus Bühlerzell tritt nach 37 Jahren den Ruhestand an

Rudolf Wengert wollte Polizist werden. Denn er liebt die Ordnung. Weil ihm die Polizei Anfang der Siebziger zu militärisch war, wurde er Kämmerer und hielt 37 Jahre Ordnung in den Finanzen von Bühlerzell.

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Es ist vollbracht: Nach 37 Jahren zieht Rudolf Wengert heute aus dem Bühlerzeller Rathaus aus. Er will künftig öfter mit dem Rentnerclub wandern.  Foto: 

Drei Wochen vor seinem 63. Geburtstag geht Wengert heute in den Ruhestand. "Ich bin der Ältere. Ich darf gehen", erklärte er vor einem Jahr seinem Chef Franz Rechtenbacher (60) den Entschluss, mit 63 Jahren den Ruhestand anzutreten. Er wusste, dass sein Ausscheiden mit dem Ablauf von Rechtenbachers vierter Amtsperiode als Bürgermeister zusammenfiel. Als pflichtbewusster und umsichtiger Beamter wusste er auch, dass Bürgermeister und Kämmerer nicht gemeinsam das Rathaus verlassen können. Er hatte aber Vorrecht. Nicht nur an Altersjahren, auch an Dienstjahren. Schließlich ist Rechtenbacher erst 32 Jahre Bürgermeister, er aber schon 37 Jahre Kämmerer. Der Schultes ließ sich also nochmals aufstellen und wurde am Sonntag mit großer Mehrheit wiedergewählt. Darum kann Wengert heute guten Gewissens in den Ruhestand gehen.

"Nicht gehen, wandern", sagt der Kämmerer und lässt das Wort genüsslich auf der Zunge zergehen. Endlich Zeit haben für ausgedehnte Spaziergänge durch Wald und Wiesen. Es ziehe ihn nicht in die weite Welt. Das Bühlertal genüge ihm. Dort sei die Natur nicht neumodisch natürlich, sondern noch so, wie sie schon immer war. "Hier, und in Südtirol", steckt er den Radius dann doch ein bisschen weiter. Aber das sei eine andere Geschichte. Ein Sissi-Ding seiner Frau Elsbeth. Unterwegs auf Sissis Spuren träume sie seit Jahren von einer Reise nach Wien. Jetzt im Ruhestand müsse er gezwungenermaßen wohl dran glauben. "Nach Meran bin ich freiwillig. Dort gibt es einen Sissi-Weg vom Stadtzentrum hinauf zum kaiserlichen Feriendomizil Schloss Trauttmansdorff", sprudelt es plötzlich aus dem gewöhnlich so ruhigen Kämmerer heraus. Er erzählt von Korfu und Sissis Palast Achilleion, der vielleicht auch eine Reise wert wäre. Von Genf, wo Sissi vor fast genau 116 Jahren, im September 1898 verstarb. Und Madeira, Sissis erstem Reiseziel nach ihrer Lungenerkrankung. "Ich glaube, ich habe auch eine romantische Ader", stellt sich Wengert - zumindest in Sachen Sissi - dann doch solidarisch auf eine Stufe mit seiner Frau.

Im Job war Romantik nicht gefragt. Da ging es um Zahlen und Fakten, was ihm liegt und gefällt. Vor allem, weil er immer sah, was dabei herauskam: 1980 die neue Grundschule, die bis dahin im heutigen Rathaus untergebracht war. Das Feuerwehrgerätehaus und der Bauhof. Aktuell der neue Kindergarten. "Ich hatte nicht nur einen guten Job, ich hatte vor allem auch gute Arbeitskollegen", sagt Wengert. Das gute Verhältnis im Rathaus sei immer von gegenseitigem Vertrauen, Achtung und Wertschätzung geprägt gewesen. "Ich bin gern zur Arbeit gegangen. Aber abends auch immer gerne nach Hause."

Für seine Frau Elsbeth und die fünf Enkelkinder will er jetzt mehr Zeit haben. "Ich möchte mehr lesen", fällt ihm ein weiterer wichtiger Wunsch ein: Reiseberichte, Bergsteigergeschichten, Geografiebücher. Naturverbunden war Wengert schon immer. Er ist heute noch aktives Mitglied im Schwäbischen Albverein, er war in den Siebzigerjahren gar Vertrauensmann und half in den Achtzigern tatkräftig, die Albvereinshütte am Werksteinbruch aufzubauen. Hinzu kommt eine tiefe Heimatverbundenheit zu Bühlerzell und seinen Einwohnern. Wengert war in allen wichtigen Vereinen verankert, als Rechnungsprüfer bei den Sportfreunden, im Ausschuss der Musikkapelle, als Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Bühlerzell-Geifertshofen. Dieses Amt hat er noch inne, aber seinen Rücktritt bereits angekündigt.

"Meinem neuen Status entsprechend trete ich jetzt vielleicht dem Rentnerclub bei", erzählt er mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit. "Die wandern alle zwei Wochen zu einer Gaststätte." Eine Herausforderung sehe Wengert in dem Versuch, in der Männerrunde das Wandern wieder in den Vordergrund zu rücken. "Allerdings muss ich mich dort anmelden und hoffen, aufgenommen zu werden. Wenn sie jetzt meine hinterhältigen Absichten in der Zeitung lesen, könnte das auch schiefgehen", spekuliert er grinsend.

Zur Person

Vita Rudolf Wengert wird am 23. Oktober 1951 in Ellwangen geboren. Die Ausbildung bei der Bereitschaftspolizei bricht er ab, um die Beamtenlaufbahn als Verwaltungskandidat einzuschlagen. Zwei Jahre arbeitet er im Bürgermeisteramt in Gelbingen und Eltershofen. Es folgt ein Jahr im Haller Landratsamt. Die letzten zwei Jahre studiert er auf der Fachhochschule für Öffentliche Verwaltung in Stuttgart und schließt 1975 mit dem Diplomverwaltungswirt ab. Drei Jahre zuvor lernt er Ehefrau Elsbeth kennen. 1975 heiraten die beiden. Sie haben drei Kinder. Seine erste Stelle als Kämmerer tritt er in Michelfeld an. Im Mai 1977 wechselt er nach Bühlerzell.

HT

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