Jetzt schaut er vom Land aus zu

Mehr als 40-mal stand Walter Scheiner als Kapitän auf der Brücke des GMV-Narrenschiffes, das er stets sicher über die Meere lenkte. Jetzt ist diese Zeit nur noch Erinnerung, eine schöne Erinnerung.

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Wenn der Gesang- und Musikverein Stimpfach heute um 19.30 Uhr (sowie am Rosenmontag um die gleiche Zeit) in der Waldhalle seine Prunksitzung eröffnet, beginnt eine neue Zeitrechnung. Der Elferrat wird nicht mehr von Walter Scheiner angeführt, sondern von Martin Ebert. Einen weiteren Wechsel hat es schon zwei Jahre zuvor gegeben: Das von seinen vielen Reisen gekennzeichnete Narrenschiff wurde aufs Trockendock gelegt, die Mannschaft wechselte auf die Rappenburg und aus dem Kapitän wurde der Burgherr. Ein Mal war Walter Scheiner noch in diese Rolle geschlüpft, wirklich zu Hause war er aber auf dem Meer.

Die Erinnerungen sind vor allem in seinem Kopf gespeichert, aber auch in Protokollen niedergeschrieben und in den vom langjährigen HT-Fotografen Kutay Kayali zusammengestellten Bilderalben festgehalten. Und in seiner Wohnung hängt ein schmuckes, von Wolfgang Frank gefertigtes Steuerrad, mit dem der GMV 2003 (in diesem Jahr wurde Scheiner auch mit der Landesehrennadel ausgezeichnet) den Einsatz des Kapitäns würdigte. "Loyal, gradlinig, bescheiden und korrekt" wird seine Art beschrieben. Und die hat er bis zum heutigen Tag bewahrt.

Natürlich hat er das Programm der ersten von ihm geleiteten Prunksitzung am 12. und 21. Februar 1977 aufbewahrt: Einzug der Funkenmariechen, Das fidele Gefängnis, Büttenredner, Kantschich und Datterich, Tanz bis in den Morgen. Seit 1975 halten der Gesang- und Musikverein sowie der Sportverein Prunksitzungen in der damals neu gebauten Waldhalle ab.

Und wo wurde in Stimpfach vorher Fasching gefeiert? Bei Rüdenauer im Falken und bei Häußler im Schwarzen Adler. Und wie und wo hat der junge Lehrer Walter Scheiner seine Frau Luzia kennengelernt? Am Rosenmontag, dem 10. Februar, im Jahr 1964 im Adler. Ob er verkleidet war? "Ich habe höchstens eine Kappe aufgehabt", erinnert er sich an diesen für sein weiteres Leben (1965 Hochzeit, drei Kinder, sieben Enkel) entscheidenden Tag. Kostümierung und ausgelassene Narretei war nie Sache des Konrektors der Grund- und Hauptschule und Vorsitzenden des Gesang- und Musikvereins Stimpfach (dieses Amt übernahm er 1978, nachdem er vorher neun Jahre die Abteilung Musik geleitet hatte). Und doch hat ihm der Fasching immer viel Spaß gemacht. Er spielte dabei nicht den lustigen Faschingsprinzen, was auch seinem Naturell widersprechen würde, sondern widmete sich mit großer Hingabe, viel Einsatz und Freude seiner Aufgabe als Kapitän des Narrenschiffes.

Beim ersten Mal sei er "schon ein bisschen aufgeregt gewesen", gesteht er, was sich aber schnell gelegt habe. Am wichtigsten sei es, dass die Darbietungen dem Publikum gefallen, und am allerschönsten, "wenn die Besucher mitmachen". Er weiß um die schwierige Aufgabe, immer ein gutes, unterhaltsames, abwechslungsreiches, schönes Programm auf die Beine zu stellen, "doch wir haben das immer ganz gut hingekriegt", stellt er in seiner bekannt bescheidenen Art fest. Nicht nur, dass der Kapitän das Narrenschiff durch den Abend steuerte, er war auch immer an den umfangreichen Vorbereitungen mitbeteiligt: Programmgestaltung und -absprache, Hallengestaltung und Bühnenbild, Kasse, Küche und Getränke. Er sah sich als Kapitän in der Gesamtverantwortung für eine Veranstaltung mit bis zu 100 Akteuren auf der Bühne und 100 Helfern hinter den Kulissen. "Und ich gehörte immer zu den Letzten", erinnert er sich gerne an die langen Nächte der Prunksitzungen, die der GMV anfänglich alle Jahre abgehalten hat - und das in direkter Konkurrenz zum Sportverein. So kam es, dass 1975 in Stimpfach gleich fünf Prunksitzungen stattfanden. Seit 1981 wechseln sich die Vereine ab.

Wenn an diesem Wochenende die Garden und Akteure in die Waldhalle einmarschieren, wird Walter Scheiner nicht mehr als Kapitän respektive Burgherr in Erscheinung treten, sondern das Geschehen vom Land respektive Burggraben aus verfolgen. Ob ihn dabei nicht auch ein bisschen Wehmut befallen wird? Er sei froh, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, "dass sie mich so lange ertragen haben". Dann wird er wieder ernst: "Es war schon der richtige Zeitpunkt", ist der 72-Jährige überzeugt, der zum ersten Mal das Programm der Prunksitzung nicht kennt "bin ich doch jetzt ein normaler Besucher". Umso gespannter ist er auf den Abend, für den seine Frau Luzia die Eintrittskarten besorgt hat und dabei Schlange gestanden ist - eben wie alle anderen. So sind sie, die Scheiners, und deshalb genießen sie zu Recht ein so hohes Ansehen.

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