Jenseits von gut und günstig

"Kamingespräch vor Ort! Mit der Staatsrätin im Dialog" - hieß es vergangene Woche auf dem Tempelhof. Vertreter der Landesregierung diskutierten mit Bürgern. Thema: "Vom Konsument zum Prosument".

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"Kamingespräche waren in früheren Landesregierungen immer den Spitzen aus Wirtschaft und Politik vorbehalten. Wir öffnen dieses Format ganz bewusst", sagte Staatsrätin Gisela Erler. Sie wurde von einem ehrenamtlichen Bürgerstab begleitet, darunter Barbara Fetzer. Fetzer war auf der Fahrt zur Mosel, als sie im Radio etwas über den Tempelhof hörte. Da dachte sie sofort: "Das könnte der richtige Ort für ein Kamingespräch über den Wandel in der Landwirtschaft sein."

Nach dem Besuch der Delegation im Kreßberger Rathaus gab es eine Führung von Urs Mauk. Der Gärtner und Landwirt erläuterte den weitgehenden Selbstversorgungsansatz der Gemeinschaft Schloss Tempelhof. Er führte durch die Foliengewächshäuser und über die Greeningfelder und zeigte vor allem die zahlreichen Bodenverbesserungsmaßnahmen. Im schön renovierten Schlosscafé findet sich zwar ein gigantischer alter Kohleherd, aber kein Kamin. So griff man auf die mitgebrachte Stoff-Fahne mit einer Kaminabbildung zurück.

Gisela Erler erläuterte den 25 Teilnehmern ihr Anliegen: "Welternährung und Klimawandel sind für eine grün-rote Landesregierung zentrale Fragen." Die Staatsrätin interessiert sich für Einstellungen und Verhaltensweisen der Bevölkerung. "Stimmt das, dass die Leute nur Billiges wollen?", fragte Timo Peters. Der Diskussionsleiter regte eine Vorstellungsrunde an. Schon da wurde eine Fülle von Fragen angesprochen. Der Zeitmangel Berufstätiger, die Einbeziehung der Konsumenten, Markttendenzen, Gründe für die Verunsicherung im Ernährungsbereich, die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der deutschen Landwirtschaft, das geringe Wissen der Bevölkerung, die Entfremdung von der Produktion.

"Es werden nur die Tasten rechts oder links außen auf dem Klavier bespielt", veranschaulichte Martin Ries vom Ministerium für Ländlichen Raum, Ernährung und Verbraucherschutz die Situation. Eigentlich sei das Thema Essen genial. Man isst schließlich täglich. Aber es gibt, da war man sich einig, eigentlich nur zwei Richtungen. "Die Kostenoptimierung", erläuterte Helmut Bleher vom Bauernverband, "und die Spezialproduzenten im Hochpreissegment." Er vermisst eine breite Regionalität und kritisiert in diesem Zusammenhang den neu eingefügten Aspekt der Gentechnikfreiheit beim überarbeiteten baden-württembergischen Qualitätszeichen. Ries wies darauf hin, dass dies nach einem erhellenden Besuch von Sojaproduktionsstätten in Brasilien übergreifend und übereinstimmend von allen Landtagsfraktionen beschlossen worden sei.

Innovationen in der Landwirtschaft sind nicht selten. Die Frage, was es Neues gibt, beantwortet sich an einem "inspirierenden Ort" (Erler) wie dem Tempelhof von selbst. Florian Keimer praktiziert eine Variante der solidarischen Landwirtschaft. Dabei handelt es sich um eine Wirtschaftsgemeinschaft zwischen Privathaushalten und einem oder mehreren landwirtschaftlichen Betrieben - mit dem Ziel, den Lebensraum für Pflanze, Tier und Mensch langfristig zu erhalten. Keimers Demeter-Gärtnerei legt am Anfang der Saison den finanziellen Bedarf offen, mögliche Mitglieder für ein Jahr geben einen Bieterzettel ab. Die Akzeptierten bekommen ihre Lebensmittel für ein Jahr, der Betrieb seinen finanziellen Unterhalt. Die Kleinbauern Annegret Salwey und Wolfgang Klotz haben 1000 Apfelhochstämme, eine mobile Saftpresse und Wildobsthecken, zwischen denen sie in Streifen Wildgemüse anbauen. Sie schaffen Ausgleichsflächen und sammeln damit Ökopunkte, die sie veräußern. Klotz kritisiert die Qualitätsstandards und Dokumentationsanforderungen. "Sie brechen den kleinen Betrieben das Genick." Edeka-Geschäftsführer Gerhard Daiber bedauert, dass "viele Dinge überreglementiert" seien.

Gärtner Gerhard Kiemle attestiert dem Land eine falsche Förderpolitik. Urs Mauk vom Tempelhof erzählt, dass sie Fördergelder für einen Regenwasserteich und Folientunnel beantragen wollten. Es ging um jeweils 10 000 bis 15 000 Euro. Mauk und Co. fühlten sich fast verhöhnt. "Einen Teich? Sie müssen einen Schweinestall für 500 000 Euro bauen", hieß es. Martina Jacobson vom Tempelhof legt nach. "Es gibt auch keine Fördermöglichkeiten für den Bodenaufbau", betonte sie. Dabei fänden sie es besonders wichtig, die Böden wieder lebendig zu machen. "Wir nehmen das mit", sagte Gisela Erler und schaute Martin Ries auffordernd an. "Die Förderung kleiner Projekte ist ein Thema", bestätigte der. Im Naturschutz würde mit drei- und vierstelligen Beträgen gefördert. Für die Landwirtschaft sah man nicht so den Bedarf, so Ries weiter. An der Produktion beteiligt zu werden, Prosument zu sein, sei zwar kein Weg für alle, liege aber im Trend.

Wer wissen will, wie Regionalität noch funktionieren kann, braucht nur nach Österreich in den Supermarkt zu gehen. "In Ihrem Warenkorb waren heute 23 Prozent Produkte aus regionaler Erzeugung", steht da beispielsweise nach einem Einkauf auf dem Kassenzettel.

Lesen Sie hier weiter: Die Kinder, die Bildung und die Landwirtschaft.

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