Jagst-Gutachten belastet Mühlenbetreiber, auch die Feuerwehr hat Fehler gemacht

Die Jagstkatastrophe beschäftigt die Staatsanwaltschaft Ellwangen immer noch. Dem HT liegt nun ein brisantes Gutachten vor.

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Die Mühle in Lobenhausen an der Jagst am 24. August 2015, zwei Tage nach dem Brand.  Foto: 

Das Landesamt für Statistik hat in dieser Woche eine Zahl genannt, die aufhorchen lässt. Im vergangenen Jahr kam es in Baden-Württemberg zu 350 Unfällen mit sogenannten wassergefährdenden Stoffen. Gut zwei Drittel davon passierten beim Transport, knapp ein Drittel ging auf den unsachgemäßen Umgang bei Herstellung, Gebrauch, Abfüllung oder Lagerung zurück. In diese Kategorie fällt auch „der gravierendste Unfall im Land“: der Mühlenbrand in Lobenhausen, bekannt auch als Jagstkatastrophe. Bei der gelangte in der Nacht vom 22. auf den 23. August 2015 mit Kunstdünger kontaminiertes Löschwasser in die Jagst – mehr als 20 Tonnen Fische starben. Der Schaden des Brandes liegt bei rund 1,5 Millionen Euro, die Kosten des Rettungseinsatzes am Fluss addieren sich auf rund 3,5 Millionen Euro.

Forderungen von bis zu 650.000 Euro

Die Staatsanwaltschaft Ellwangen ermittelt gegen einen 21-Jährigen wegen des Verdachts der fahrlässigen Brandstiftung. Er soll in der Nähe der Mühle Müll verbrannt haben, und dies habe dann einen Funkenflug zur Folge gehabt. In Sachen fahrlässige Gewässerverunreinigung und in Sachen Bodenverunreinigung gibt es ein Ermittlungsverfahren gegen den Mühlenbetreiber und in Sachen Gewässerverunreinigung eines gegen Unbekannt. Überdies hat neben den strafrechtlichen Untersuchungen ein Anwalt Zivilklage eingereicht, an der 21 Parteien, darunter viele Fischereivereine, beteiligt sind. Es geht um Forderungen von bis zu 650.000 Euro.

„Die Staatsanwaltschaft Ellwangen hat noch keine Abschlussverfügung getroffen“, betont Staatsanwalt Armin Burger auf Nachfrage. „Die komplexen und sowohl in tatsächlicher als auch rechtlicher Hinsicht schwierigen Ermittlungen sind noch nicht abgeschlossen. Die Analyse der Gutachten und die Auswertung der umfangreichen Akten wird noch einige Zeit in Anspruch nehmen.“

Zu den Gutachten, die der Staatsanwaltschaft vorliegen, zählen unter anderem zwei Gewässergutachten, das Brandgutachten, das Gutachten der Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz („Fischsterben in der Jagst“) sowie eines zur Gewässerverunreinigung an der Jagst. Die Gewässergutachten sind im Auftrag des Haller Landratsamtes entstanden, deren Ergebnisse seit Monaten öffentlich sind.

Dem HT liegt nun das 53-seitige Gutachten zur Gewässerverunreinigung eines Sachverständigen für Anlagen zum Umgang mit wassergefährdenden Stoffen vor. Dessen „zusammenfassende Bewertung“ vom 17. März liest sich so: „Die Lagerung der Düngemittel in den Silos erfolgte ohne die notwendige baurechtliche Genehmigung. Auch wurden bei der Lagerung der Düngemittel in den Silos Grundsätze der Anforderung an die Düngemittellagerung nicht beachtet.“ Was die Löschwasserrückhaltung angeht, so entsprächen die eingesetzten Anlagen „nicht den Anforderungen, die an eine ordnungsgemäße Löschwasserrückhaltung gestellt werden“.

Die Feuerwehr schätzt die maximale Löschwassermenge auf 1400 Kubikmeter, diese legt auch der Gutachter zugrunde. Die größte Menge (860 Kubikmeter) wurde abgepumpt und in die Kläranlage nach Crailsheim gebracht. 50 Kubikmeter traten in der ersten Phase des Brandes in den Mühlkanal aus, der wenige Hundert Meter weiter in die Jagst fließt. Auch beim Einsatz mit einem sogenannten Rohr-Dichtkissen, das die Feuerwehr Crailsheim in einen Überlauf einbrachte, ist laut Gutachter „ohne Zweifel Löschwasser ausgetreten“. Er geht von maximal 20 Kubikmetern aus. „Damit verbleibt eine unbekannte Menge von maximal 470 bis 480 Kubikmeter, von der unklar ist, ob sie überhaupt angefallen, verdunstet oder auf sonstige Weise eingeleitet wurde.“

Dem Dichtkissen fehlte der Halt

Dass bei dem Dichtkissen-Einsatz der Feuerwehr etwas schief gegangen ist, spiegeln die polizeilichen Ermittlungen wider. Von Problemen in der Handhabung ist die Rede, von einem Sicherheitsverbau, der nötig gewesen wäre – und dann sind da noch zeitliche Widersprüche. Wann und wie lange war das Kissen überhaupt draußen? Für den Gutachter ist „die wahrscheinlichste Variante, dass es beim Abklemmen der Druckluft durch die Feuerwehr zu einem Bedienfehler oder zu einem Versagen des Rückschlagventils im Anschluss des Dichtkissens kam, was dazu führte, dass das Dichtkissen keinen Halt mehr hatte.“

Bei der Polizei klingt das schließlich so: „Die Ermittlungen konnten nicht zweifelsfrei klären, warum sich das Dichtkissen gelöst hatte.“ Das liegt auch daran, dass vielleicht das Beweisstück fehlt. „Eine kriminaltechnische/gutachterliche Untersuchung war nicht möglich“, so heißt es weiter, „weil mehrere Dichtkissen im Rahmen einer TÜV-Prüfung ausgesondert wurden.“

Die Prüfung, muss man dazu wissen, wurde Anfang September angefordert und erfolgte am 23. September – einen Monat nach dem Mühlenbrand. Und die ausgesonderten Dichtkissen sollen dann von der Feuerwehr Crailsheim vernichtet worden sein.

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