Interview: Kinderheim St. Raphael besteht seit 125 Jahren

Seit 125 Jahren bietet St. Raphael in Unterdeufstetten Kindern und Jugendlichen, die nicht mehr in ihren Herkunftsfamilien leben können, zumindest vorübergehend ein neues Zuhause. Das wird gefeiert.

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    Kinder und Jugendliche werden in Unterdeufstetten ein Stück weit begleitet - nicht nur auf der Laufstrecke. Privatfoto
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    Stefan Reuter leitet das Kinderheim St. Raphael in Unterdeufstetten. Privatfoto
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Einrichtungsleiter Stefan Reuter wirft einen Blick auf die Anfangsjahre und erklärt die Grundsätze heutiger Jugendhilfe.

125 Jahre St. Raphael. Bestimmt hat sich die Kinder- und Jugendhilfe im Laufe der Jahre gewandelt. Was zeichnete die Einrichtung in den Anfangsjahren aus?

STEFAN REUTER: Die Entstehungsgeschichte ist schon besonders. Die Händler und Schausteller in Fichtenau waren viel unterwegs und konnten nicht sicherstellen, dass ihre Kinder regelmäßig die Schule besuchten. Für diese Kinder wurde 1889 die St. Raphaelspflege Unterdeufstetten gegründet - ein Kinderheim, in dem die Kinder der Händler während der Saison lebten. Ihre Eltern trieben derweil in ganz Süddeutschland Handel.

Gibt es ein weiteres markantes Datum in der Geschichte?

REUTER: Ende der 1960er-Jahre ging der Bedarf zurück, weil die Händler und Schausteller jetzt auch in anderen Berufen arbeiteten. In dieser Zeit begannen die Jugendämter, Kinder überregional unterzubringen. Es kamen Kinder aus dem ganzen süddeutschen Raum nach Unterdeufstetten. In der zweiten Hälfte der 1970er-Jahre setzte dann der entgegengesetzte Trend ein. Nun wurden die Kinder wieder in Heimen untergebracht, die möglichst nah am Heimatort lagen. Für die Kinder von St. Raphael wurde der Bildungsgang Schule für Erziehungshilfe an der Oberlinschule eingerichtet - eine ideale Ergänzung des Kinderheims.

Welche Schwerpunkte setzt die Kinder- und Jugendhilfe in Unterdeufstetten heute?

REUTER: Wir sind mit 42 Plätzen immer noch stark im stationären Bereich. Und diese Plätze werden wirklich gebraucht: Sie werden überwiegend vom Landkreis Schwäbisch Hall belegt. Wir decken etwa ein Viertel des Bedarfs im Kreis ab. In den letzten 20 Jahren haben wir uns im ambulanten Bereich weiterentwickelt. Wir haben Tagesgruppen und soziale Gruppenarbeit angeboten. Heute arbeiten wir nach dem Konzept der flexiblen Hilfen. Mit 45 Plätzen an vier Standorten in Unterdeufstetten, Schwäbisch Hall, Ilshofen und Blaufelden hat der ambulante Bereich jetzt sogar das Übergewicht.

Heute wie damals ist es Aufgabe von St. Raphael, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, ein selbstbestimmtes und erfülltes Leben zu führen. Gibt es einen Leitsatz, der diese Arbeit prägt?

REUTER: Wegstrecken begleiten - das ist ein wichtiger Leitsatz. Wir haben keine Musterlösung für die Ewigkeit, aber wir können das, was war, aufgreifen und versuchen, gemeinsam Veränderungen herbeizuführen. Abschließend entlassen wir die jungen Menschen wieder in ihre Familie oder in die Selbstständigkeit. Das Bild unseres Namenspatrons, des Erzengels Raphael, der ebenfalls Wegbegleiter auf einer gefährlichen Reise war, passt hier sehr gut zu unserer Arbeit.

Gibt es einen weiteren Leitgedanken?

REUTER: Wir begegnen jedem Kind wertschätzend und sagen ihm: "Du bist wertvoll." Mit derselben Wertschätzung signalisieren wir den Eltern, dass sie keine schlechten Eltern sind. Im Gegenteil: Indem sie erkennen, dass es ein Problem gibt und sich Hilfe holen, gehen sie den ersten Schritt zur Lösung. Es gibt leider große Berührungsängste gegenüber der Kinder- und Jugendhilfe, insbesondere gegenüber einer Heimunterbringung. Diese versuchen wir abzubauen. Glücklicherweise gibt es eine Reihe von Menschen, die uns dabei unterstützen, die sich persönlich einbringen oder auch mal einen Scheck mitbringen. Neben dem materiellen Aspekt schätzen wir daran die moralische Rückendeckung, weil das Thema sonst gern an den Rand gedrückt wird.

Die Fragen stellte Christine Hofmann

Die Feierlichkeiten

St. Raphael feiert das Jubiläum mit verschiedenen Veranstaltungen im gesamten Jahr. Am morgigen Sonntag gibt es ein Begegnungsfest mit Gottesdienst ab 9.30 Uhr in der Dreieinigkeitskirche. Der Festakt beginnt um 10.45 Uhr in der Turnhalle Unterdeufstetten. Auf dem Gelände von St. Raphael gibt es Nahrhaftes, ein Bühnenprogramm und Aktionen.

HOF

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