Interview: "Schule neu erfinden"

Drei Fragen an Dr. Reinald Eichholz.

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Dr. Reinald Eichholz Fotos: Hartmut Volk  Foto: 

Wir reden heute von "Flüchtlingen". Warum ist es wichtig, da zu differenzieren?

REINALD EICHHOLZ: In der gegenwärtigen "Flüchtlingskrise" ist daran zu erinnern, dass "Flüchtlinge" zunächst einmal Menschen sind, und zwar aus großer Not geflohene Menschen. Trotzdem ist es richtig, dass wir unterscheiden: Die wegen politischer Verfolgung Asyl Suchenden, die nach der Genfer Flüchtlingskonvention geschützten "Kriegsflüchtlinge", die subsidiär Geschützten, die nicht zurückgewiesen werden sollen, weil sie Tod oder Folter zu befürchten haben, die "Armutsflüchtlinge", aber auch die unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge, die besonderen Schutz brauchen. Denn die rechtlichen Folgen sind hier jeweils sehr unterschiedlich, und nicht jeder hat ein Recht, dauerhaft zu bleiben.

"Teilhabe" war in Ihrem Vortrag ein Schlüsselbegriff für gelingende Integration. Können Sie das ausführen?

EICHHOLZ: Wenn "inklusives" Zusammenleben gelingen soll, ist die praktische zwischenmenschliche Begegnung der Schlüssel, sei es in der Schule, an einem Arbeitsplatz oder im alltäglichen Leben. Daher ist das faktische Arbeitsverbot eine Katastrophe. Gut ist, dass sich die Schulen öffnen, aber man sollte bedenken, ob die "Willkommensklassen" genug sind oder die Kinder und Jugendlichen nicht von Anfang an in "ihre" Klassen gehen sollten - natürlich unterstützt vor allem durch Sprachkurse. Wir werden erleben, dass wir Schule in vielerlei Hinsicht neu erfinden müssen und dass das Zusammenleben im Alltag letztlich auch für das Lernen von immer größerer Bedeutung sein wird.

Was erwidern Sie Kritikern, die angesichts der wachsenden Zuwanderung eine soziale Destabilisierung Deutschlands befürchten?

EICHHOLZ: Wir spüren, dass Zuwanderung in dieser Fülle und in diesem Tempo eine außerordentliche Herausforderung ist. Doch wenn man an die seinerzeitigen "Gastarbeiter" denkt - da kamen 14 Millionen. Trotzdem verstehe ich, wenn sich Ungeduld breit macht. Die Verfahren dauern zu lange, Europa sperrt sich gegen seine Verpflichtungen, die Bekämpfung der Fluchtursachen kommt kaum voran. Aber man sollte sich klarmachen, dass die Verunsicherung nur noch zunehmen wird, wenn man sich nicht mit der Realität arrangiert. Denken wir nur an die Lebensverhältnisse in Afrika. Wenn wir nicht teilen und ganz neue Wege der Entwicklungspolitik gehen, werden die Probleme nur größer.

Die Fragen stellte Hartmut Volk.

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