INTERVIEW:

Susanne Otter ist Hebamme, "weil ich Frauen beistehen will". Aber Geburten betreut sie schon lange nicht mehr. "Das kann ich mir gar nicht leisten", sagt die Sprecherin aller Hebammen im Kreis.

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Macht sich Sorgen um ihren Berufsstand: Susanne Otter aus Beeghof in der Gemeinde Satteldorf, Kreissprecherin der Hebammen. Foto: Ute Schäfer

Frau Otter, derzeit schlagen die Hebammen Alarm. Sie fürchten um ihre Existenz, weil die Haftpflichtprämien so exorbitant steigen. Wie sieht das in Zahlen aus?

SUSANNE OTTER: Dieses Jahr wird die Berufshaftpflicht wohl auf 5091 Euro steigen, genau wissen wir das noch nicht. Zum Vergleich: Vor zehn Jahren lag sie noch bei 1350 Euro - und selbst das war und ist für Hebammen viel Geld.

Wie viel verdienen Hebammen denn?

OTTER: Freiberufliche Hebammen haben einen Stundenlohn von etwa 7,50 bis 8,50 Euro. Ich betreue beispielsweise 30 Geburten im Jahr. Ich würde also knapp ein Vierteljahr nur für die Haftpflichtversicherung arbeiten. Da kann sich jeder ausrechnen, dass das nicht geht.

Wie lösen Sie das?

OTTER: Ich biete deshalb nur Schwangerenbetreuung und Geburtsnachsorge an. Ich leite selbst keine Geburten. Dann sind die Versicherungssätze nicht ganz so hoch.

Sie schicken "Ihre" Schwangeren also zum Entbinden in die Klinik?

OTTER: Ja, wenn man so will, wälze ich beziehungsweise wälzt das System das Problem auf die Klinikhebammen ab. Doch die stehen ähnlich da: In den meisten Fällen arbeiten sie auch freiberuflich. Im Landkreis Schwäbisch Hall gibt es nur im Haller Diak angestellte Kolleginnen.

Warum ist die Haftpflichtversicherung so stark gestiegen? Gibt es immer mehr Schadensfälle - wobei das Wort allein ja schon grässlich ist, weil es sich ja um Menschen handelt.

OTTER: Nein, die sogenannten "Schadensfälle" sind nicht mehr geworden. Ihre Anzahl ist in den letzten Jahrzehnten gleich geblieben.

Warum wird dann die Versicherung immer teurer?

OTTER: Die Therapien sind besser und somit teurer und länger geworden. Früher hat man einen "Schadensfall" viel schneller als "austherapiert" definiert. Da waren dann die Kosten natürlich entsprechend geringer. Heute gehen sie leicht in die Millionen.

Für die Betroffenen ist das natürlich ein Glück. . .

OTTER: Natürlich ist es das. Gesundheit ist ein hohes, wenn auch ein teures Gut. Es ist eben eine gesellschaftliche oder eine politische Frage, welche Werte in einer Gesellschaft gelten. Es müsste deshalb auch eine politische Entscheidung geben, uns Hebammen nicht allein zu lassen.

Sollten Hebammen streiken?

OTTER: Die französischen Hebammen haben das geschafft. Bei uns war es vor eineinhalb Jahren auch angedacht, aber es hat nicht geklappt. Wir Hebammen wollten unsere Schwangeren nicht allein lassen. Aber Helfersyndrom hin oder her: Wir schaden damit letztendlich allen. Und so ist es kein Wunder, dass immer mehr Hebammen den Beruf aufgeben. Leider besteht die schlechte Bezahlung schon lange. Eine Hebamme bleibt im Schnitt fünf Jahre in ihrem Beruf.

Gibt es hierzulande einen Hebammennotstand?

OTTER: Ja, das würde ich so sagen. Im letzten Jahr haben im Landkreis Schwäbisch Hall von den 36 Hebammen auf unserer Liste fünf aufgehört. Besonders schwierig ist die Situation in Crailsheim. Hier gab es letztes Jahr fünf Hebammen, jetzt sind es nur noch drei. Schwangere müssen manchmal lange suchen, bis sie eine Kollegin finden, die noch Zeit für sie hat.

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