Insolvenz: Auswirkungen auf 240 Beschäftigte und die Region

Die Insolvenz der Brettenfelder Putenschlächterei zieht Kreise. Die drohende Schließung des Betriebs hätte Auswirkungen nicht nur auf die rund 240 dort Beschäftigten, sondern auf die ganze Region um Rot am See.

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Die Insolvenz der Gut Stetten/Velisco-Gesellschaften bringt in der Region womöglich auch zahlreiche Putenmäster in die Bredouille. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Bürgermeister Siegfried Gröner denkt zuerst an die Mitarbeiter der zwei Gesellschaften Gut Stetten und Velisco, für die die aktuelle Entwicklung eine ernsthafte Krise darstelle. "Eine kleine Katastrophe", schwant ihm offenbar nichts Gutes. "Für die Betroffenen, die zum Teil seit Jahrzehnten in diesem Traditionsunternehmen arbeiten, hängen unheimlich viele Dinge dran, die man nicht sofort erkennt. Für die ist das alles ein echter Schock."

Er selber vermag die Lage derzeit noch nicht endgültig einzuschätzen. "Manchmal kommt aus einer Insolvenz ja auch was Vernünftiges heraus", hofft Gröner. Die Gemeinde habe jedenfalls über viele Jahre im ständigen und guten Kontakt mit dem Unternehmen gestanden, vieles im Einvernehmen geregelt und geschaut, wo man gemeinsam womöglich Kosten senken konnte - "immer in den gesetzlichen Grenzen", ergänzt der Bürgermeister.

Zum Beispiel bei der Wasserkalkulation: für Gut Stetten/Velisco extrem wichtig, verbraucht die Schlächterei doch ungefähr so viel Wasser wie der komplette Rest der Kommune. Zwar hätte die zuständige Heidemark-Zentralverwaltung gern bessere Konditionen ausgehandelt, "aber regelrechte Zuschüsse konnten wir als Gemeinde nicht gewähren", beschreibt Gröner das Verhältnis von Rathaus zur Geschäftsführung.

Zugleich denkt Siegfried Gröner an die Putenmäster der Gemeinde: "Im schlimmsten Fall hat ein Landwirt den Stall voll und kann seine Tiere nicht mehr unterbringen", führt er als Beispiel an. "Oder andere haben womöglich hohe Verbindlichkeiten, weil sie gerade erst einen neuen Stall gebaut haben."

Sollte der schlimmste aller Fälle eintreten, die Liquidation mit Schließung, so Siegfried Gröner, wirke sich das nicht nur beim dann höheren Wasserpreis aus, der auf alle Bürger umgelegt werden müsste, sondern sogar bis hin zu den Privatleuten, die Zimmer an Saisonkräfte vermieten. Gröner: "Die schwierige Lage im Betrieb war aber grundsätzlich bekannt." Vieles habe sicher an den Vertragsverhandlungen der zwei Gesellschaften mit den Mästern gelegen.

Genau diese Verträge nennt Bio-Mäster Marcus Könninger aus Oberwinden als Grund für Verstimmungen in der Vergangenheit. Gut Stetten habe über die Heidemark-Zentrale in Ahlhorn durchaus versucht, die hiesigen Putenmäster auf Küken und Futtermittel aus dem eigenen Haus einzuschwören. "Das hat vielen Landwirten offenbar nicht gepasst, die sich daraufhin vom Betrieb in Rot am See abgewandt haben und ihre Tiere heute an die Huber Süddeutsche Truthahn AG im bayerischen Ampfing liefern."

Eine Mär sei es allerdings, so Könninger, dass alle Puten aus Hohenlohe zum Schlachten nach Norddeutschland transportiert würden. "Wir verkaufen an Heidemark, liefern aber an Gut Stetten", klärt der Mäster auf. Allerdings habe Heidemark verschiedentlich Puten aus Frankreich zum Schlachten nach Brettenfeld gebracht, um den Betrieb stärker auszulasten. Könninger meint, die meisten heimischen Putenbauern hätten heute freie Wahl, wem sie ihre Tiere verkaufen.

Viele der annähernd 60 in der württembergisch-fränkischen Putenerzeuger-Gemeinschaft organisierten Mäster würden Heidemark wohl die Stange halten und weiter an Gut Stetten liefern, denkt Könninger bereits an die Zukunft. Er meint, einen Grund für die Insolvenz tatsächlich in der mangelnden Auslastung erkannt zu haben. Aber auch das: "In der Region gibt es genug Tiere."

Weit mehr als eine Million Tiere

Das bestätigt Werner Balbach vom Landwirtschaftsamt Ilshofen. 45 Mastbetriebe allein im Kreis Hall führt er in seiner Kartei, in denen etwa 450.000 Puten gehalten werden. "In der Region mit dem angrenzenden Bayern, Hohenlohekreis und Main-Tauber-Kreis dürften es deutlich mehr sein." Insider sprechen von weit über einer Million Tiere.

Die angespannte Lage in Rot am See sei auch für ihn "vom Thema her nicht ganz neu" gewesen. Die Preisschlacht zwischen den Schlachtereien gäre ja immerhin schon seit mindestens zehn Jahren. Die "Umgangsformen" sowohl untereinander wie auch mit den Mästern seien bekanntermaßen nicht immer vom Feinsten gewesen, weiß der Fachmann vom Amt.

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