Im Wald des Todes

Geschichte: Vor 75 Jahren haben die Nazis Tausende Juden im Wald von Bikernieki bei Riga erschossen. Auch Menschen aus Hohenlohe waren unter den Opfern.

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Die Gedenkstätte Riga-Bikernieki heute.  Foto: 

An bestimmte Kriegsereignisse erinnert man sich nicht gerne – vor allem, wenn sie von großer Tragik, nicht wiedergutzumachender Schuld oder kollektivem Versagen gekennzeichnet sind. Dazu gehört die erste Massenvernichtungswelle an den jüdischen Mitbürgern im Dritten Reich in Riga, dem von den Nazis ausersehenen  Reichsjudengetto.

Allein im Altkreis Crailsheim waren 26 jüdische Mitbürger aus Crailsheim, Michelbach/Lücke und Dünsbach betroffen. Darunter war Senta Meyer, geboren am 15. Januar 1903 in Michelbach/Lücke als Tochter des Viehhändlers Jakob Stern und seiner Ehefrau Sidonie. Bekanntlich betrug der Anteil der jüdischen Bevölkerung des Ortes im Jahr 1869 30 Prozent, bevor im Zuge der jüdischen Emanzipation manche Familien in die Städte abwanderten. Zu ihnen gehörte auch die Familie Stern, die mit vier Kindern – später kamen noch zwei Geschwister dazu – 1903 nach Crailsheim zog.

Am 1. November 1921 heiratete Senta den zehn Jahre älteren Viehhändler Albert Meyer, der 1934 in Stuttgart starb. Das Vermögen, das er hinterließ, gestattete es der Witwe, noch im gleichen Jahr in Stuttgart-Süd in der Altenbergstraße das Wohnhaus zu erwerben. Als Hausbewohner nennen die Adressbücher der Stadt Stuttgart neben der Mutter Sidonie – 1939 verstorben und auf dem israelitischen Teil des Pragfriedhofs beigesetzt –,  Schwester Jenny mit ihrem Mann Eugen Grimminger, zwei Schwestern, die noch 1939 nach England emigrieren konnten, und mehrere nichtjüdische Mieter.

Vom Killesberg nach Riga

Senta Meyer lebte in den Jahren danach in der Arminstraße in einem Haus, das in jüdischem Besitz war, vom NS-Staat 1940/41 zum „Judenhaus“ bestimmt und zwangsweise überbelegt wurde. Von hier aus musste sie mit ihren vier Kindern Gertrud-Dina (19), Lore-Mina (15), Fritz-Jacob (13) und Ilse-Sophie (10) die Reise in den Tod antreten. Sie führte zunächst in das Sammellager auf dem Killesberg, dann vom Anfang Dezember 1941 vom Güterbahnhof des Nordbahnhofs aus in einem Zug mit alten, ungeheizten und überfüllten Personenwagen nach Riga.

Bekanntlich scheiterte Grimminger mit seinem Versuch, die Schwägerin und ihre vier Kinder vor der Deportation zu retten. Im Nebenlager „Jungfernhof“ des Ghettos von Riga starben die Menschen anfangs an der Kälte, an Hunger und Krankheiten „wie die Fliegen“ – so ein Überlebender. Trotzdem ging den SS-Befehlshabern das Sterben nicht schnell genug, und so wurden alleine  am 26. März 1942 1500 Menschen an großen Gruben im Wald von Bikernieki nahe Riga erschossen – darunter Senta Meyer mit ihren vier Kindern. Ermordet wurden dort unter anderem auch Mina und Mathilde Stein aus Crailsheim.

Sinnlose Zerstörung

Während das Gelände des ehemaligen KZ Jungfernhof überbaut ist und nichts mehr an das grausame Leben und Sterben erinnert, ist der Wald von Bikernieki heute eine nationale Gedenkstätte, die sehr weitläufig angelegt ist. Tafeln erinnern an die Ausgangsorte der Deportationen. Abgebrochene Granitstelen machen die sinnlose und brutale Zerstörung blühenden Lebens deutlich.

Man hat später errechnet, dass im Wald von Bikernieki von Sommer 1941 bis Herbst 1944 46 500 Menschen ermordet wurden. Hier wie auch in Treblinka und andernorts haben die Nazis noch vor dem Rückzug fast alle Spuren verwischt, denn im Spätherbst 1944, als sowjetische Experten begannen, die Massengräber zu untersuchen, waren die Gruben nahezu leer.

Wer sich dem Thema literarisch annähern will, ist mit dem Roman „Hundsgeschrei“ von Titus Simon (Silberburg-Verlag) gut bedient. Mit viel Liebe zum Detail zeichnet Simon ein lebendiges Bild von der Deportation eines Hohenloher Juden, der dem KZ Riga entkommen kann und unter schwierigsten Bedingungen überlebt. Seine Rehabilitation in der Nachkriegszeit und die unbewältigte Vergangenheit werden hier eindrucksvoll verarbeitet.

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