Im Takt der Sterbeglocke Sternmarsch zur Bächlinger Kirche

Mit einem Sternmarsch zur Bächlinger Johanneskirche wird der Ostermorgen in Langenburg begangen. Der Weg erinnert an Jesus Tod am Kreuz. Er soll den Menschen aber auch helfen, den Alltag loszulassen.

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  • Am Ende des Ostergottesdienstes in der Bächlinger Johanneskirche wird das Trauertuch entfernt, in das das Kreuz seit Karfreitag gehüllt ist. Foto: Marianne Mühlenstedt 1/2
    Am Ende des Ostergottesdienstes in der Bächlinger Johanneskirche wird das Trauertuch entfernt, in das das Kreuz seit Karfreitag gehüllt ist. Foto: Marianne Mühlenstedt
  • Pfarrer Ulrich Hermann vor dem Osterbrunnen in Langenburg Foto: Anna Berger 2/2
    Pfarrer Ulrich Hermann vor dem Osterbrunnen in Langenburg Foto: Anna Berger
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Das Telefon von Pfarrer Ulrich Hermann klingelt. Die Mutter eines Kindes, das von dem Geistlichen am Ostermontag getauft wird, ist daran. Wie viele Fürbitten werden gesprochen und wer wird sie vortragen? Es gibt vieles zu klären. Das Telefon von Hermann steht dieser Tage selten still. Eigentlich würde es der 60-Jährige zwischen Gründonnerstag und Ostern gerne ausschalten, um sich zu besinnen. Doch das geht nicht. Dafür ist zu viel los um Ostern. Vor allem in Langenburg. Denn dort findet neben den Taufgottesdiensten am Ostermorgen der zweite Langenburger Sternmarsch statt.

Dabei treffen sich Menschen in Langenburg, Nesselbach und Oberregenbach und laufen schweigend zur Bächlinger Johanneskirche. Die Wanderung beginnt früh: In Oberregenbach geht es schon um 4.45 Uhr los, in Nesselbach und Langenburg um 5 Uhr. Es muss noch dunkel sein, rabenschwarze Nacht. Es gibt keine Kerzen, keine Taschenlampen - kein Licht. "Eigentlich kann es nicht dunkel genug sein", findet Pfarrer Hermann. Schließlich sollen die Menschen auf ihrem Marsch durch die Nacht den Weg Jesus nach seiner Kreuzigung ins Reich des Todes nachempfinden.

Deshalb wird während des Marsches auch die Schiedglocke in der Johanneskirche angeschlagen. Sie trägt den Beinamen Sterbeglocke und wird immer dann geläutet, wenn Menschen Abschied nehmen müssen. Während der Wanderung sollen die Menschen wahrnehmen, dass "der Tod eine reale Macht ist", wie es Pfarrer Hermann ausdrückt.

Und noch etwas soll der Ostermarsch bewirken: "Eine Osternacht, die auf Erfahrung beruht, hilft einem auch, die Verstandesebene zu verlassen." Und genau das sei manchmal wichtig, um alles, was uns sonst so wichtig erscheint, loslassen zu können, glaubt Hermann. "Wir denken viel im Protestantismus und das ist auch gut", betont er. Aber manchmal müsse man das Denken einfach verlassen.

Die Osternacht hat Ulrich Hermann schon als Kind begeistert. Kaum merklich schüttelt er den Kopf und lächelt, wenn er sich daran zurückerinnert, wie seine Eltern ihn als Kind früh am Ostermorgen aus dem Bett geholt und auf die Wanderung mitgenommen haben.

Seit gut zwei Jahren ist der 60-Jährige Pfarrer in Langenburg. Zuvor predigte er acht Jahre lang im Ulmer Münster. Wie man vom höchsten Kirchturm der Welt nach Hohenlohe kommt? "Natürlich hatte ich in Ulm tolle Möglichkeiten", betont Hermann. Aber er musste eben auch vielen geschäftsführenden Tätigkeiten nachgehen. "Wir hatten rund 1300 Veranstaltungen im Jahr, darunter 500 Konzerte. Das sind eineinhalb Konzerte am Tag." Da blieb oft wenig Zeit für Dinge wie Konfirmandenunterricht. "Es war noch nicht zu spät, etwas Neues zu beginnen."

Dieses Neue hat Hermann in Langenburg gefunden - und auch selbst frischen Wind in die Gemeinde gebracht: Schon kurz nachdem er das Pfarrhaus in seiner neuen Heimat bezogen hatte, stellte er den ersten Sternmarsch nach Bächlingen am Ostermorgen auf die Beine. Schon damals, so der Pfarrer, habe er gemerkt, dass die Gemeinde für so etwas offen ist: "Es haben sich schnell Leute gefunden, um bei den Vorbereitungen zu helfen", freut sich Hermann über den Langenburger Tatendrang.

Morgen ist der Ostermarsch zum zweiten Mal. Selbst teilnehmen an der Wanderung kann der Pfarrer jedoch nicht. Während alle zur Johanneskirche laufen, ist er bereits mit einem ehemaligen Konfirmanden und dessen Vater vor Ort, um ein Osterfeuer im Kirchhof zu entzünden. "Das Feuer brennt schon, wenn die Menschen in den Hof kommen", erklärt Hermann. Wie der Gang durch die Dunkelheit, hat auch dieses eine symbolische Bedeutung. "Nirgendwo kann man leichter verstehen, dass der Tod überwunden ist vom Leben", ist Hermann überzeugt.

An dem Feuer wird schließlich eine Osterkerze entzündet, die von dem pensionierten Kunstlehrer Eberhard Siegel entworfen wurde. Anschließend beginnt der Ostergottesdienst in der Kirche, wo zu Beginn nur die eine Kerze leuchtet. Bei der sogenannten Lichterfeier kann schließlich jeder eine Kerze anzünden. Künstliches Licht gibt es keines. Am Ende des Gottesdienstes werden die Trauertücher entfernt, in die das Kreuz am Altar seit Karfreitag gehüllt war. Und die Kirchenglocken läuten - zum ersten Mal seit Karfreitag.

Treffpunkt zum Sternmarsch
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