Human ist das Leben, auch ein schlechtes

Gedanken zum Sonntag von Josef Keiner, Geschäftsführer des katholischen Dekanats Schwäbisch Hall.

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Ein langes Leben ist der Wunsch eines jeden Menschen. Das Altsein dagegen schreckt. Die überwiegende Mehrheit verbindet mit dem Alter Leiden. Foto: dpa

Ein langes Leben haben, alt werden, das ist wohl der Wunsch jedes Menschen. Die Kehrseite, das Altsein, schreckt. Die überwiegende Mehrheit verbindet mit Altsein Leiden, Abhängigkeit, Hoffnungslosigkeit, das Sterben von Freunden und Verwandten, die Entwertung von Wissen und Lebenserfahrung, nicht mehr gebraucht zu werden. Auf den Punkt gebracht: zu einer kostenaufwendigen Wertlosigkeit verkommen. Euthanasie wird dann zum Ausweg, der heroisch selbstbestimmte Tod zum "krönenden" Abschluss.

Der Mangel an Vertrauen und Hoffnung führt zu Sinnlosigkeit und schließlich zum Tod. Das gab es bisher noch nie und nirgends. Was bisher durch alle Zeiten eine höchst individuelle Entscheidung im Verborgenen war, wird nun von einer breiten Masse der Bevölkerung Westeuropas diskutiert. Unter welchen Umständen ist ein freiwillig gewählter Tod eine Erlösung, habe ich dabei einen gesetzlichen Anspruch auf Hilfe, hat der Helfer Konsequenzen zu erwarten?

Da sind zwei wache, in hohem Alter stehende Menschen, der greise Simeon und die 84-jährige Hanna. Was ihnen das Leben zugemutet hat, bleibt offen. Von Simeon wird gesagt, er sei "gerecht und fromm" und Hanna verbringt ihre alten Tage "betend und fastend" im Tempel, sie war in jungen Jahren verheiratet und ist seit langer Zeit Witwe. Eine kleine jüdische Familie - wie andere auch - betritt den Tempel, um das zu tun, was das Gesetz fordert: Das Paar zeigt Gott ihren Erstgeborenen, die Mutter unterzieht sich einer kultischen Reinigung, der Vater bringt zwei Tauben als Opfergabe. In einer Vision erkennt Simeon im Kind Jesus den erwarteten Messias, und Hanna macht dies allen bekannt.

Simeon und Hanna teilen uns Entscheidendes mit. Es ist ihre von Vertrauen und Hoffnung geprägte Haltung. Beide müssen sicher mit der Mühsal des Altseins kämpfen, aber von Aufgeben ist keine Spur. Der Tod kommt von selbst, darum muss sich niemand sorgen. Aber bis dahin ist noch Leben. Sie sind wachen Auges und wollen wissen was geschieht, sie leben in der Erwartung auf das, was kommt. Und Simeon nimmt das Kind auf den Arm und bekennt: Nun lässt du, Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden, wie dein Wort es verheißen hat. Denn meine Augen haben das Heil geschaut (Lk. 2, 22).

Ich denke, diese Haltung ist eine Alternative zur herrschenden Meinung über den selbstbestimmten Tod. Christen vertrauen auf Gott, der letzten Endes alles zum Guten wenden wird. Eine solche Haltung kann auch von Menschen eingenommen werden, die mit Religion nichts zu tun haben wollen, Nichtchristen dürfen auf das Leben vertrauen, das täglich neu ist und auf die Humanität die alle Menschen miteinander verbindet.

Zum Schluss bleibt nur noch der Appell an alle Menschen guten Willens, für Verhältnisse zu sorgen, die jeden Gedanken an Euthanasie als absurd erscheinen lassen. Human ist das Leben, auch ein schlechtes. Der Tod dagegen ist immer und in jedem Fall inhuman, und keine fundierte Diskussion kann darüber hinwegtäuschen.

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