HT-Interview: "Das Archiv wurde gesäubert"

Nahe Vergangenheit: „Geschichte wirkt fort“, ist der Crailsheimer Stadtarchivar Folker Förtsch überzeugt. Zum Abschluss der HT-Serie zur Machtergreifung spricht er über 1933 – und heute.

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    Alte Zeitungsbände gewähren Stadtarchivar Folker Förtsch unersetzliche Einblicke in Vergangenes - sofern sie noch vorhanden sind. Fotos: Marc Weigert
  • Folker Förtsch im Gespräch mit HT-Redakteur Sebastian Unbehauen. 2/3
    Folker Förtsch im Gespräch mit HT-Redakteur Sebastian Unbehauen.
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Acht Jahrzehnte liegt die Machtergreifung zurück. Ein Menschenleben. Nur ein Menschenleben. Im Crailsheimer Schloss, wo heute das Stadtarchiv provisorisch untergebracht ist und das HT-Interview stattfindet, wurden 1933 Juden und Regimegegner von der SA misshandelt. Vergangenheit und Gegenwart berühren sich, ständig - und Stadtarchivar Folker Förtsch ist ein ebenso profunder wie unaufgeregter Mittler zwischen den Zeiten.

HOHENLOHER TAGBLATT: Herr Förtsch, warum blicken wir in die Geschichte?

FOLKER FÖRTSCH: Weil ein solcher Blick Orientierung geben kann. Geschichte wirkt fort, Kenntnis der Geschichte erleichtert die Entscheidungsfindung in der Gegenwart.

Das heißt, wir können aus der Geschichte lernen?

FÖRTSCH: Ja. Ich denke, man kann Strukturen und persönliche Verhaltensweisen kennenlernen, die es einem erleichtern, heute mit wirtschaftlichen, politischen und sozialen Fragen umzugehen.

Als Hitler vor genau 80 Jahren durch Crailsheim fuhr, schlug ihm Begeisterung entgegen. Haben die Deutschen gelernt und sind heute immun gegen derlei "Volkstribunitis"?

FÖRTSCH: In absehbarer Zeit wäre so etwas sicher nicht mehr möglich. Aber man kann sich durchaus Situationen vorstellen - schwere Wirtschaftskrisen, politische Krisen - in denen wieder ein Populist antritt und in der Bevölkerung große Zustimmung erfährt.

Seit Januar hat das HT die Machtergreifung thematisiert. Wie konnte die "Gleichschaltung" 1933 so schnell vonstattengehen?

FÖRTSCH: Es gab einen Überdruss in Bezug auf die ständigen Wahlen, die für das Leben der Leute kaum etwas Positives bewirkten. Und dann war da natürlich die Wirtschaftskrise, die sich spätestens seit 1932 auch in Crailsheim niederschlug. Ganz entscheidend aber: Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs lehnten wichtige Gruppen in Politik, Wirtschaft, Militär und Gesellschaft das demokratische System ab. Diese wurden in der Dauerkrise immer stärker. 1933 gab es kaum mehr Verteidiger der Demokratie.

Die Oberämter Crailsheim und Gerabronn waren im württembergischen Vergleich äußerst "braun". Warum? Ging es den sich selbst versorgenden Bauern in der Krise nicht besser als etwa dem städtischen Proletariat?

FÖRTSCH: Nein. Die wirtschaftliche Lage der Bauern war desolat, gerade in Gebieten mit starker Viehwirtschaft wie hier in Hohenlohe. Der Milchmarkt war komplett zusammengebrochen, der Fleischmarkt mehr oder weniger. Aber es gab nicht nur wirtschaftliche Gründe für den NSDAP-Erfolg. Der Bauernbund, die während der Weimarer Republik stärkste politische Kraft in Hohenlohe, hatte die Blut-und-Boden-Ideologie der Nazis in vielem vorweggenommen. Es gibt zwei große bevölkerungspolitische Parameter, die für einen hohen NSDAP-Wahlanteil sprechen: ländliche Umgebung und evangelische Konfession. Beides war in Crailsheim wie in Gerabronn gegeben.

Wer sich mit Crailsheim im Nationalsozialismus beschäftigt, findet kaum Quellen. Woran liegts?

FÖRTSCH: Die Quellenlage vor Ort ist wirklich sehr schlecht. Wir haben nicht einmal die Hauptquelle für die politische Entwicklung dieser Jahre, die Zeitung. Der "Fränkische Grenzbote" ist verschwunden, bezeichnenderweise für die Jahre von 1933 bis 1945. Natürlich liegt das an der Kriegszerstörung, aber wir haben auch deutliche Hinweise darauf, dass das städtische Archiv nach 1945 gesäubert wurde.

Wer hatte daran ein Interesse?

FÖRTSCH: Daran hatten alle ein Interesse, die sich in den zwölf Jahren davor stark exponiert haben.

Haben Sie Vermutungen?

FÖRTSCH: Wir haben einige Namen, die möchte ich aber nicht nennen. Es gibt schließlich nur Indizien, keine Beweise.

Aber können Sie zumindest sagen, dass es sich um Leute handelt, die auch in der Nachkriegszeit in Crailsheim eine Rolle gespielt haben?

FÖRTSCH: Das kann ich sagen.

Je mehr Zeit vergeht, desto ferner erscheint das damalige Geschehen. Sie haben viel mit Jugendlichen zu tun. Verändert sich da etwas?

FÖRTSCH: Ganz bestimmt. Meine Generation ist ja in den 70er- und 80er-Jahren in der Auseinandersetzung mit diesem Thema groß geworden. Für heutige Schüler hingegen ist das "Dritte Reich" fast so weit weg wie der Dreißigjährige Krieg. Die Beschäftigung gerade mit Einzelbiografien von Opfern und Tätern aus dem lokalen Umfeld macht den Zugang aber weiterhin möglich. Die jungen Leute stellen dann fest: Das war hier, das gehört zu unserem direkten historischen Erbe.

Man hat sich in Deutschland nach 1968 sehr darum bemüht, die kollektive Verantwortung zu betonen. Ist ein dahin gehendes Bewusstsein noch vorhanden?

FÖRTSCH: Ja. Die besondere Verantwortung Deutschlands für gutnachbarliche Beziehungen und eine demokratische Entwicklung im eigenen Land ist den Schülern, die sich näher damit beschäftigen, bewusst.

Andere sagen: Bleibt weg mit eurem erhobenen Zeigefinger!

FÖRTSCH: Ich bin ein Gegner von erhobenen Zeigefingern und moralinsaueren Appellen. Die finde ich nicht nur unpassend, sondern kontraproduktiv. Gerade wenn man das Thema nüchtern angeht, kann man den Menschen deutlich machen: Da geht es um etwas, das für ihre Gegenwart noch große Bedeutung hat.

In Crailsheim soll ein Asylbewerberheim gebaut werden. Als dazu ein Artikel auf der HT-Facebook-Seite erschien, hagelte es beklemmende Kommentare. Von "Pack" war die Rede. Sind wir gar nicht so weit, wie wir manchmal denken?

FÖRTSCH: Es gibt bestimmte Reizwörter, da gehören "Asyl" und "Asylbewerber" leider seit Jahrzehnten dazu. Daran sind unsere Politiker, die damit Wahlkampf gemacht haben, nicht unschuldig. Ich halte solche Äußerungen für menschenverachtend und dumm, vor allem, wenn man nicht den Hauch einer Ahnung davon hat, was viele Asylsuchende durchgemacht haben.

Sind Sie beunruhigt?

FÖRTSCH: Das Beunruhigende ist, dass solche Kommentare - auch gegenüber anderen Minderheiten - zuletzt immer gesellschaftsfähiger geworden sind. Gerade in Bezug auf junge Leute muss man fragen: Warum fühlen sich viele überhaupt von so etwas angesprochen? Sehen sie sich vielleicht selbst als zu den "Verlierern" gehörig und reagieren darauf mit Entwürdigung anderer?

Ist es zynisch, zu sagen, dass nur der aktuelle Wohlstand den Kleingeist einigermaßen unter der Decke hält?

FÖRTSCH: Es stellt sich schon die Frage, was hier geschehen würde, wenn es uns ginge wie den Menschen in Griechenland oder in Spanien mit einer Arbeitslosigkeit von 30 Prozent und mehr.

In Griechenland spielen Nazis und Kommunisten wieder eine große Rolle im Parteiensystem.

FÖRTSCH: Das ist die Gefahr. Ich bin deshalb nicht glücklich über die Krisenpolitik in Europa, denn im Prinzip ist es die gleiche Deflationspolitik, die am Ende der Weimarer Republik verfolgt wurde und den Nazis die Wähler zugetrieben hat.

Es ist also doch sehr schwierig, aus der Geschichte zu lernen?

FÖRTSCH: Leicht ist es nicht. Das politische Koordinatensystem muss nun einmal immer wieder neu festgelegt werden - und dabei kommt es natürlich zu innergesellschaftlichen Auseinandersetzungen über den richtigen Weg.

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