Holzhof-Geschäftsführer Jörg Kunze aus Dünsbach legt Gemeinwohl-Bilanz vor

Jose Mario Bergoglio - besser bekannt als Papst Franziskus - sagt: "Diese Wirtschaft tötet." Jörg Kunze, der Geschäftsführer des Holzhofs in Dünsbach, sagt: "Wir leben in einer dermaßen dekadenten Zeit.

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  • Jörg Kunze hat den Holzhof in den 80er-Jahren gekauft. Aus Hohenlohe weg will er nie mehr. "Das ist die beste Gegend der Welt", sagt er. Foto: Sebastian Unbehauen 1/3
    Jörg Kunze hat den Holzhof in den 80er-Jahren gekauft. Aus Hohenlohe weg will er nie mehr. "Das ist die beste Gegend der Welt", sagt er. Foto: Sebastian Unbehauen
  • Der Holzhof in Dünsbach aus der Vogelperspektive. Privatfoto 2/3
    Der Holzhof in Dünsbach aus der Vogelperspektive. Privatfoto
  • Unser Wirtschaftssystem hat großen Wohlstand gebracht, hinterlässt bisweilen aber auch verbrannte Erde. Hier hackt ein Mann im Manjakatompo-Wald auf Madagaskar Kohle. Madagaskar ist eine der artenreichsten Gegenden dieser Erde, doch der Regenwaldbestand ist bedroht. 3/3
    Unser Wirtschaftssystem hat großen Wohlstand gebracht, hinterlässt bisweilen aber auch verbrannte Erde. Hier hackt ein Mann im Manjakatompo-Wald auf Madagaskar Kohle. Madagaskar ist eine der artenreichsten Gegenden dieser Erde, doch der Regenwaldbestand ist bedroht. Foto: 
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Das katholische Kirchenoberhaupt und der Unternehmer aus Hohenlohe haben auf den ersten Blick wenig gemein, aber sie sind vereint in ihrem Unwohlsein. Und in der Frage: Können wir so weitermachen? Mit unserer Marktwirtschaft. Mit Finanzströmen und Freihandelszonen. Mit Wachstumsstreben und Fortschrittsglaube - höher, schneller, weiter.

"Warum nicht?", mag man da einwenden. Ging es Deutschland jemals besser? Waren Lebensmittel jemals billiger? Konnten sich jemals so breite Bevölkerungsschichten so viel leisten? Tatsächlich: Der Kapitalismus hat vielen Wohlstand beschert. Aber er fordert auch manchen Preis. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft auseinander, Natur wird zerstört, die südeuropäische Jugend findet keine Jobs, Tiere werden zu Rohstoffen degradiert, in Europa landet Essen im Müll, in Afrika hungern Millionen.

Nun wehen auf dem Petersdom in Rom keine roten Flaggen, und auch auf dem Dünsbacher Holzhof wird man nicht mit dem sozialistischen Bruderkuss begrüßt. Menschen wie Kunze wollen nicht weg von der Marktwirtschaft, sondern fragen: Können Anreize anders gesetzt, kann anderes Verhalten belohnt - schlicht: Kann wirtschaftlicher Erfolg neu definiert werden?

Ist das wirklich gut?

Ein noch junges Angebot auf dem Markt der Möglichkeiten ist die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie (siehe auch Spalte rechts). "Die Grundannahme ist: Wenn es allen Menschen gut geht, gehts auch der Volkswirtschaft gut", erklärt Kunze. Heute sind die entscheidenden Parameter für die wirtschaftliche Lage: das Bruttoinlandsprodukt (BIP) auf nationaler Ebene und der Gewinn auf der Ebene einzelner Unternehmen. Dabei spielt zunächst einmal keine Rolle, wie die Zahlen zustande kamen - ob Umweltstandards eingehalten wurden, ob alle am Wohlstand teilhaben können, ob Menschen gerne zur Arbeit gehen oder eben nicht. "Wenn zwei, drei Autos ineinanderkrachen, dann ist das gut fürs BIP, weil neue gekauft werden", sagt Kunze. "Aber ist es wirklich gut?"

Belohnt wird heute, wer sich möglichst kostensparend verhält. In der Gemeinwohl-Ökonomie aber soll belohnt werden, wer möglichst sozialverträglich wirtschaftet. Solche Unternehmen sollen steuerliche Vorteile genießen und den Kunden, zum Beispiel mithilfe eines Ampelsystems, als vorbildlich präsentiert werden. Kunze findet die Idee gut - und hat deshalb freiwillig eine Gemeinwohl-Bilanz ausgewiesen.

Mitte der 80er-Jahre kaufte er das alte Sägewerk in Dünsbach. "Hardcore-Öko" sei er damals gewesen, sagt der gebürtige Stuttgarter. Fast 30 Jahre später kommt er als gestandener Unternehmer daher. Auf dem Holzhof werden Einzelmöbel gefertigt, das Hauptgeschäft fällt aber im Objektbereich an. Das heißt: Man liefert das komplette Interieur, vor allem für Bioläden in ganz Deutschland, Österreich, der Schweiz und Luxemburg. Kunze hat elf Mitarbeiter, darunter stets zwei Auszubildende. Er achtet auf regionale Materialien, setzt ökologischen Kleber ein. Der allerdings härtet viel langsamer aus als konventioneller Leim. "Wirtschaftlich habe ich dadurch nur Nachteile", sagt er.

In der Gemeinwohl-Bilanz allerdings taucht eben das als Pluspunkt auf. Und in einer Gemeinwohl-Ökonomie wäre diese Bilanz entscheidend. Der Anreizrahmen wäre auf den Kopf gestellt. Worum geht es noch in dieser Bilanz? Um ethisches Beschaffungsmanagement, ethisches Finanzmanagement, Arbeitsplatzqualität und Gleichstellung, gerechte Verteilung der Erwerbsarbeit, Förderung ökologischen Verhaltens der Mitarbeiter, gerechte Einkommensverteilung, innerbetriebliche Demokratie und Transparenz, ethische Kundenbeziehung, Solidarität mit Mitunternehmen, ökologische und soziale Gestaltung der Produkte und Dienstleistungen, Erhöhung der sozialen und ökologischen Branchenstandards, Sinn und gesellschaftliche Wirkungen und so weiter.

Wenn Kunze Angaben zu diesen Punkten macht - etwa, dass im Betrieb gemeinsam (und bio) gefrühstückt und Mittag gegessen wird oder dass Mitarbeiter fair bezahlt werden - wertet er zunächst selbst, ehe das Ganze extern geprüft wird. Klar ist: Bisher hat das wenig Relevanz, denn es gibt nunmal keine Gemeinwohl-Ökonomie. Wohl aber bilden sich, wie in Schwäbisch Hall, Regionalgruppen der Bewegung, die der Idee Schub verleihen möchten - und die das bisher aufgestellte Gemeinwohl-Regelwerk auf den praktischen Prüfstand stellen. Ob sich die Idee breit durchsetzt? Kunze ist da eher skeptisch. Aber er sagt: "Es kann eine Orientierung sein."

Info Die Volkshochschule Crailsheim bietet drei Vorträge zum Thema an. Los gehts am Mittwoch, 19. März, um 19.30 Uhr. Ulrike Häussler spricht über "Gemeinwohl-Ökonomie - ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft!". Weitere Referate folgen am Mittwoch, 26. März, und am Mittwoch, 19. April, jeweils um 19.30 Uhr.

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