Hohenloher Vorsetz lebt weiter Besondere Art der Geselligkeit wird in einigen Dörfern immer noch gepflegt

Wenn die Tage kurz und die Nächte lang waren, traf man sich in Hohenlohe früher zur Vorsetz. Das ist lange her, könnte man meinen. Von wegen: Auch heute noch pflegt man diese Geselligkeit.

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Wettringen - /

Wallhausen - Selbst das allwissende Computerlexikon www.wikipedia.de verweigert sich dem Begriff Vorsetz, sodass man besser in einschlägigen Werken zur regionalen Heimatgeschichte nachschlägt. Alfred Kuppler übersetzt ihn als Spinnstubenabend. Damit gibt er in der Tat den entscheidenden Hinweis auf den Ursprung dieser abendlichen Zusammenkünfte. Otto Ströbel ergänzt dazu: "Jung und Alt traf sich in einer Bauernstube, um sich bei Spinnen, Stricken, Singen, Erzählen und Spielen, aber auch Musizieren und Tanzen zu unterhalten. Diese geselligen Treffen erregten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei der Obrigkeit, ganz besonders bei den Ortsgeistlichen, die Sorge, es könnten dabei sittenwidrige Dinge geschehen."

Lange liegt diese Art von Besorgnis zurück, aber wenigstens die kommunikative Wirkung einer solchen Vorsetz ist dort, wo sie noch stattfindet, nicht von der Hand zu weisen. Dass man quasi nebenher, also neben einer mehr oder weniger entspannenden Handarbeit auch noch manches, was einen in der Seele bewegt, im trauten, scheinbar verschwiegenen Kreis leichter ausplaudert, wussten schon die Altvorderen und ist heute immer noch so.

Auch in Wettringen liegt bei der Vorsetz das Strickzeug auf den Tischen, wenn auch eher in dekorativer Funktion. Und die reizvollen Nadelkissen in einer Walnusshälfte zeigen, was fingerfertige Frauen können, wenn es erst "zur Sache" geht. Aber in erster Linie geht es um die gepflegte Unterhaltung. Gut dreißig Mitglieder des Gartenbauvereins sind im evangelischen Gemeindehaus beisammen, als Bürgermeister und erster Vorsitzender Karl Augustin den Abend eröffnet. So nebenbei erfährt der Gast, welche Aktivitäten der Verein durchführt und wie alles organisiert wird.

Das Kinderferienprogramm wird genauso vorbesprochen wie die Mithilfe beim Viehmarkt am ersten Märzwochenende und der Schmuck des Osterbrunnens am Marktplatz. Christel Gachstetter, Schriftführerin und Kassiererin seit Anfang an, weiß aus der Erfahrung von über dreißig Jahren, wie man die traute Runde dafür gewinnt und mobilisiert. Rudi Mack, Mitglied im Gesangverein und Posaunenchor und Vorsitzender des örtlichen Kriegervereins, stimmt das erste Lied des Abends an. "Im schönsten Wiesengrunde" passt wie angegossen zur lieblichen Tauber, die hier ihren Anfang nimmt, und natürlich singen alle auswendig mit, bevor Karl Augustin das Keyboard bereitstellt und Liederbücher verteilt. Zwischen "Jetzt kommen die lustigen Tage" und "Wahre Freundschaft soll nicht wanken" erzählen Erika Holzner, Jutta Grass und Traudl Eder Witze, wobei "s Mariele vo Wettri" bei ihrer ersten Ausfahrt mit dem Zug nach Stuttgart den meisten Applaus bekommt, schließlich können sich noch die meisten der Anwesenden an die frühere Bahnstation im Ortsteil Gailnau und an manches Missgeschick in der fremden Großstadt erinnern. Und irgendwann beginnt der Rudi Mack mit seinen Tischnachbarn auch zu schunkeln, und das hat hier gar nichts mit erhöhtem Alkoholkonsum zu tun, denn es geht überaus gesittet zu. Dafür sorgen auch die "guten Geister" wie Christel Gachstetter oder Hedwig Hossner. Sie tischen selbst hergestellten Mohnkuchen und Schmalzbrote auf, was zur Kurzweil beiträgt, bevor die traute Runde spätabends den Heimweg antritt.

Weil abends immer in einer guten Stube im Ort das Licht brannte, heißen die Vorsetzabende in manchen Dörfer auch "Lichtkerze", sagt Frieder Krumrein, Vorstand des Untermünkheimer Rößler-Museums. Auch in Ingelfingen gibt es seit einigen Jahren wieder Vorsetz-Abende, wie auch in anderen Hohenloher Orten. Dort gibt es auch mal einen Vortrag zur Heimatgeschichte, und anschließend macht man dasselbe wie schon früher: zusammensitzen, Karten spielen und Geschichten erzählen. Auch der Landfrauenverein Wallhausen hat diese Tradition wiederbelebt, und wenn zur Vorsetz ins ehemalige Hengstfelder Schulhaus eingeladen wird, macht man sich entsprechend zurecht - man will ja auch etwas für die Optik tun. Hier steht der Austausch über das Jahresprogramm im Mittelpunkt des Abends, aber auch der kulinarische Teil kommt nicht zu kurz.

Und selbst der Muswiesenwirt Klaus Pressler in Rot am See-Musdorf lädt die Mitglieder und Freunde des Schwäbischen Albvereins einmal jährlich zur winterlichen Vorsetz in seine Bauernwirtschaft ein, ohne dasselbe befürchten zu müssen, was anno 1862 dem Hengstfelder Wirt Gaggstatter widerfahren war, nämlich einen Gulden und 30 Kreuzer Bußgeld zu zahlen, weil 14 "ledige Burschen und vier ledige Mädchen" in dessen "Rockenstube" waren und "mit Lärmen und Geschrey die Polizeistunde" überschritten hatten, wie im Pfarrgemeinderatsprotokoll steht.

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