Höher wohnen im Sudhaus-Turm

Vor einem Jahr hat die gebürtige Crailsheimerin die wohl eigenwilligste Immobilie erworben, die in Ilshofen zu haben war: Das Sudhaus der ehemaligen Goldochsen-Brauerei. Sechs Monate dauerte der Umbau.

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Wenn Nicole Bullinger abends nach Hause kommt und Sehnsucht nach ihrem Bett hat, liegt ein weiter Weg vor ihr. Von der Haustür bis zum Schlafzimmer unter dem selbst renovierten Dachgebälk sind es 15 Meter Höhenunterschied und 75 Stufen. Ihr 120 Quadratmeter großer Wohnbereich erstreckt sich über sieben Ebenen.

Eingangsbereich, Küche, Esszimmer, Bad, Wohnzimmer, Arbeitszimmer und Schlafbereich sind jeweils durch mehrere Stufen getrennt. Der letzte Aufstieg unters Dach führt über eine enge Wendeltreppe.

Von Etage zu Etage wird der Ausblick über Ilshofen beeindruckender. Im Norden grüßt der Kirchturm von St. Petronella. Nach Westen schaut sie an der Stadthalle vorbei bis in die Amtsstuben des Rathauses und im Süden dehnen sich hinter dem Schulzentrum die Äcker und Wiesen bis zu den nächsten Ortschaften.

Wer ein gediegenes Eigenheim erwerben will, macht üblicherweise einen großen Bogen um denkmalgeschützte Bauwerke. Zu unsicher ist die Höhe der Umbaukosten, wenn sich strenge Behördenauflagen mit schlechter Bausubstanz verbinden. Doch Nicole Bullinger hat genau so ein Objekt gesucht. "Ich habe eine Vorliebe für Häuser mit Geschichte", sagt sie, "es ist doch spannend, auf der Basis von Altem etwas Neues zu schaffen und harmonische Kompromisse zu finden."

Als sie im Januar 2012 mit der Stadt den Kaufvertrag unterzeichnete, erwarb sie einen Backsteinturm aus dem Jahre 1906 mit zwei Sudkesseln, die über zwei Stockwerke in die Höhe ragten. "Ich hätte gern einen der Kessel behalten, zum Beispiel als originelle Badewanne, aber die Ausmaße waren zu riesig", trauert sie den imposanten Kupferbehältern nach. Sie mit Schlagbohrer und Schweißbrenner aus der Verankerung zu lösen, war eine enorme Kraftanstrengung für die Bauarbeiter.

Überhaupt war die Personalmanagerin einer Crailsheimer Firma, die bis dahin keine Ahnung von Umbauarbeiten hatte, eine stressige Bauherrin. "Ich bin ehrgeizig und mag keine halben Sachen." Ein einfallsloses "geht nicht" ließ sie nicht gelten. Hartnäckig erschien sie dreimal am Tag auf der Baustelle und wachte darüber, dass alles nach ihren Vorstellungen ausgeführt wurde. "Aber ich hatte tolle Handwerker, alle aus Ilshofen und der näheren Umgebung."

Sie sparte sich den Architekten und zeichnete die Pläne, die das Bauamt verlangte, kurzerhand selbst. Einen Innenarchitekten brauchte sie schon gar nicht. Mit sicherem Geschmack und oft nach Bauchgefühl schuf sie eine besondere Symbiose aus Industriedenkmal, Landhausstil und modernem Wohndesign. "Es hat sich super gelohnt, aber so etwas mach ich nur einmal im Leben", sagt die 40-Jährige im Nachhinein.

Für die Umbaukosten mit neuen Gas-, Wasser- und Stromanschlüssen, Innendämmung (weil außen die Backsteinfassade erhalten bleiben muss), Isolierfenstern in den alten Rundformen, Fußbodenheizung und den vielen Treppen hätte sie wahrscheinlich ein Einfamilienhaus errichten können. "Aber das hätte dann nicht so viel Atmosphäre, wie dieses Gebäude hier."

Beim Umbau saß ihr der Termin 30. Juni 2012 im Nacken. "Das war die Deadline wegen der Fördermittel aus der Stadtsanierung, die ich noch mitnehmen wollte." Im Juli konnte Nicole Bullinger einziehen.

Der frühere Brauereibesitzer Hubert Ländle, Bürgermeister Roland Wurmthaler, der Gemeinderat und die Stadtverwaltung freuen sich, dass der Sudhaus-Turm als eines der wenigen Baudenkmale, die Ilshofen zu bieten hat, so vorbildlich saniert wurde und nun sinnvoll genutzt wird. Sie alle ließen sich Nicole Bullingers Einladung zur Besichtigung nicht entgehen.

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