Heimat: Der Gang ans Wasser ist mit besonderen Erinnerungen verbunden

Angeln? Langweilig, sagen die Nichtangler. Dabei ist Fischen überaus interessant. Vor allem, wenn es eine direkte Beziehung zum Wasser gibt. Und die muss wachsen. Dann schenkt sie besondere Erinnerungen.

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Ein verwunschenes Stück Tauber im Morgennebel. Obwohl die Bundesstraße nur einen Steinwurf entfernt verläuft, taucht der Angler hier ein in eine ganz andere Welt mit vielfältigen Erinnerungen. Das Fischrevier ist ein Stück Heimat.  Foto: 

Jetzt, im Herbst, wenn sich das Laub verfärbt und der Morgennebel nur langsam den Blick auf die Natur freigibt, ist für viele die schönste Jahreszeit angebrochen. Das Murmeln des Wassers zieht den Angler in seinen Bann. "Du musst eintauchen in dieses Bild", sagt der Fischer. Hier die Kiesbank, in der Mitte die Tauber, deren Wasser in einem Bogen heranströmt. Weiße Gischt an der Oberfläche, alles eingefasst von sattem Grün. Eine Wasseramsel fliegt vorbei. Halt machen wollte sie, nach Beute im Wasser suchen. Doch der Mensch stört, vor allem, wenn er sich bewegt. Wer sich die Zeit nimmt und still an einen Baum gelehnt den Blick schweifen lässt, kann sie beobachten. Und nicht nur sie. Vielfältig ist das Leben im Geäst der Bäume, aber auch am Boden und vor allem im Wasser. Mit zarten Ringen an der Wasseroberfläche verraten sich nach Insekten "steigende" Fische. Das können Forellen oder Äschen sin, aber eben auch Rotfedern, Hasel oder Döbel. Ein Blitzen im Wasser, dicht über dem Grund - eine Barbe! Wie ein Lehrbuch präsentiert sich der Lebensraum Wasser für den, der zu lesen versteht. Einfach mal schauen, sich erfreuen am vielfältigen Leben - auch das ist Angeln. Und wenn dann noch ein Eisvogel erscheint, ist das Glück fast vollkommen. Das fliegende Juwel schenkt einzigartige, unvergessliche Augenblicke.

Das Fischrevier ist ein Stück Heimat - vor allem für den, der es kennt. Und diese Heimat ist abwechselnd, je nach Wassertiefe und Strömung. Wo die Tauber langsam fließt und tief ist, steht der Hecht und lauert auf Beute. Fette Karpfen zeigen dem Angler ihre Breitseite. Längst haben sie ihn entdeckt, und ohne Hektik, ja fast schon aufreizend, schwimmen sie ganz souverän weiter. Weißfische sind zu beobachten, und auch nur wenige Zentimeter große Brut sammelt sich nun in großen Schwärmen an geschützten Stellen. Da, wo sie aus dem Wasser springen, holen sich ein paar Barsche ihren Anteil. Nicht nur Angler machen Beute. Mit etwas Glück ist auch der Reiher zu beobachten.

Angler zieht es ans Wasser, egal, wo sie sich aufhalten. Ob im Urlaub, weit entfernt von der Heimat, oder eben gerade da. Am heimischen Bach, Fluss oder See - immer verbinden sich beim Gang ans Wasser besondere Erlebnisse mit optischen Eindrücken. Wer sein Gewässer kennt, sucht immer wieder ganz bestimmte Stellen auf.

Die Angel auswerfen, die Seele baumeln lassen, den Alltag und die Welt mit all den schlimmen Dingen einfach mal vergessen, dabei hochkonzentriert den Köder auswählen und platzieren - für Angler geht das alles ineinander über. Da spielt es keine Rolle, welche Methode man vorzieht. Ob die Grundangel mit Wurm, Käse, Teig und - wenn es auf Hecht, Zander und Waller geht - totem Köderfisch, das Spinnfischen mit Wobbler, Spinner oder Blinker, oder eben das Fliegenfischen.

"Dort, in diesem Gumpen, da habe ich doch den großen Barsch gefangen", erinnert sich der Angler. Im flachen, langsam fließenden Uferbereich gleich nach der Kiesbank wimmelte es von Bachflohkrebsen. Lachsrot war das Fleisch des Barsches, der sich hier an der Fülle gütlich tat. Dem Spinner, einem kleinen Metallköder, der ein Fischchen imitiert, folgte er (zu) begierig. Die Gedanken schweifen weiter: Nur ein paar Meter stromab machte der damals noch junge Angler erste Erfahrungen mit der Fliegenrute. Ein Hasel, vielleicht 20 Zentimeter groß, konnte der noch ungeschickt angebotenen Trockenfliege nicht widerstehen. Lange ist das her - knapp 40 Jahre. Viel hat sich hier seither getan, und aus dem Jugendlichen wurde ein Erwachsener. Die Passion ist geblieben; sie wurde stärker - und individueller.

So, wie sich der Mensch sich ändert im Laufe der Jahre, so wandelt sich auch die Natur. Die große Pappel steht nicht mehr, längst haben Nachfolger ihren Platz eingenommen. Dichter und dichter wurde der Bewuchs. Die Kiesbank ist kleiner und wieder größer geworden, der Fluss lebt, verändert sich, sucht sich seine Bahn. Doch die Erinnerung hat sich regelrecht eingebrannt im Gehirn und kommt immer wieder, sobald der Angler wiederkehrt an diese Stelle. Auch das Leben im Wasser hat sich verändert. Damals gab es keine Äschen in diesem Bereich der Tauber, heute kommen sie häufig vor.

Dieses verwunschene Stückchen Tauber ist, obwohl hier viele Angler die Rute auswerfen, ein ganz besonderes. Der Angler sucht es immer wieder auf, um einzutauchen in diese Welt. Das Aufgehen in der Natur, das Rauschen des Wassers zu hören, die feuchte Luft zu riechen, ja geradezu zu schmecken und sich nicht sattsehen können daran - das ist Heimat, da ist er daheim.

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