Gut Stetten: Pionier kämpft gegen das Aus - Gründe für Schieflage noch unklar

Die Putenschlachterei war über lange Jahre als unumstrittener Marktführer in Deutschland das Maß der Dinge auf dem Geflügelmarkt. Nun haben die Beschäftigten Angst vor der Schließung des Betriebes.

|
Vorherige Inhalte
  • Bild aus guten Tagen: Mitglieder des BDS Rot am See bei einem Betriebsrundgang. Derzeit stehen schwierige Zeiten ins Haus. Foto: Ralf Stegmayer 1/2
    Bild aus guten Tagen: Mitglieder des BDS Rot am See bei einem Betriebsrundgang. Derzeit stehen schwierige Zeiten ins Haus. Foto: Ralf Stegmayer
  • 2/2
Nächste Inhalte

Die Gerüchte über mögliche Schwierigkeiten des Schlachtbetriebes kursierten bereits seit geraumer Zeit über die Hohenloher Ebene. Nun wurde es amtliche Gewissheit. Die bekannte Putenschlachter "Gut Stetten" und seine Vertriebsgesellschaft Velisco GmbH & Co. KG im Teilort Brettenfeld haben den Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens gestellt (das HOHENLOHER TAGBLATT berichtete). Der Gang zum Amtsgericht war nicht mehr zu vermeiden, nachdem die Zahlung der Löhne und Gehälter nicht mehr gesichert war. Der vorläufige Insolvenzverwalter Helmut Eisner (Lauda-Königshofen) rätselt noch ein wenig über die Ursachen: "Obwohl wir bereits seit Tagen darüber reden, können wir noch gar nicht abschätzen, woran es genau liegt." Die Geschäftsführung führt neben den " zu hohen Betriebsausgaben bei zu geringer Auslastung auch den bekannt knallharten "Preiskampf auf dem Lebensmittelmarkt" ins Feld.

Von der Firmenleitung und dem Mutterkonzern wurden allerdings auch nach der gestrigen Betriebsversammlung keine weiteren Angaben gemacht. Vorläufig laufen die Geschäfte weiter, wie gehabt. Sollten die anstehenden Gespräche des Insolvenzverwalters mit Lieferanten und die Suche nach Investoren oder Übernehmern absehbar nicht vom gewünschten Erfolg begleitet sein, dann würde das die insgesamt 240 Mitarbeiter in beiden Betrieben wohl in große Nöte stürzen. Für Gudrun Wendel von der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) kam die Nachricht nicht überraschend. Nach Angaben der Gewerkschaft seien schon Ende des vergangenen Jahres Schlachtungen nach Norden abgezogen worden. Wendel: "Die haben in Rot am See einfach nichts mehr zum Schlachten gehabt." Wie die Gewerkschafterin weiter berichtet, bestehen auch in Rot am See zahlreiche Werkverträge, von denen aber schon "viele abgezogen" wurden. Dabei lagen die Dinge auch schon ganz anders.

Das Unternehmen wurde 1966 als Schloss Stetten GmbH & Co. von keinem Geringeren als dem späteren Bundestagsabgeordneten Wolfgang von Stetten in Künzelsau gegründet. Der damals 25-jährige CDU-Parlamentarier kam auf die Idee, Puten statt Hühner zu züchten, zu schlachten und zu vermarkten. Die Firma war einer der großen Wegbereiter der Putenhaltung, und der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. 1969 siedelte das florierende Unternehmen nach Rot am See um. Schon ein Jahr später übernahm die Nölke-Gruppe aus Versmold (Münsterland) den Betrieb.

Anfang der "90er" wurde Schloss Stetten innerhalb des "Nölke-Konzerns" mit der Mutzschen Truthahn GmbH (Sachsen) zum Unternehmensbereich "Gut Stetten" zusammen gefasst. Im Jahr 2003 erwarb Nölke dann die Mehrheit an der neu gegründeten Velisco Geflügel GmbH & Co. KG in Ahlhorn (Niedersachsen). Diese wurde vier Jahre später an den Agrarunternehmer Ulrich Wendeln (Garrel bei Bremen) verkauft und der Firmensitz wieder nach Rot am See verlagert.

Seit 2010 ist Velisco Teil des Kalvelage-Gruppe. Gesellschafter ist die Familie Heidemark (ebenfalls Garrel). Diese ist Mehrheitsgesellschafterin der WU Betreuungsgesellschaft, unter deren Dach Velisco rechtlich angesiedelt ist.



Velisco - Einer der Großen in der Branche

Velisco ist einer der führenden Anbieter von Puten- (Truthenne)fleisch und Putenspezialitäten in Europa. "Gutstetten" ist neben "Landbrink" eine der bekannten Eigenmarken.

Kunden sind vor allem große Lebensmittelhandelsketten, Großverbraucher und die weiterverarbeitende Lebensmittelindustrie.

Neben Frischprodukten wird auch zu "Convenience-Food" veredelt, tiefgekühlt, gegart und mariniert. Nach der Zusammenführung vermarktete Velisco jährlich mehr als 12 Millionen Tiere. Der Marktanteil lag zeitweise bei über 45 Prozent.

2011 betrug der Umsatz der Velisco-Gruppe bei 287 Millionen Euro. Allerdings wies die Bilanz einen leichten Verlust aus.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Den Metzgerei-Chef schwer belastet

Eine frühere Filialleiterin, die 300.000 Euro veruntreut haben soll, bricht ihr Schweigen vor Gericht  – und berichtet von angeblicher Schwarzarbeit nebst Schwarzgeld und merkwürdigen Warenlieferungen. weiter lesen