Günther Freisleben berichtet über Erfahrungen bei der Eulex-Mission im Kosovo

Den vorletzten Jahreswechsel hatte Günther Freisleben im Kosovo verbracht - als Leiter der Eulex-Mission und Chef der exekutiven Polizei. Heuer hat der Bühlerzeller zu Hause gefeiert - als Karlsruher Polizeipräsident.

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Günther Freisleben (links) trifft als Chef der exekutiven Polizei bei einem Besuch des tschechischen Innenministers auch mit der Eulex-Chefanklägerin Jaroslava Novotna zusammen. Gegen die wird jetzt übrigens auch ermittelt. Privatfoto

Günther Freisleben (57) ist in seinem Leben viel in der Welt herumgekommen. Der Polizist war im europäischen Ausland, in Südamerika, in Afrika und in Kirgisien in Asien. Seit 2012 war Freisleben - von der Landespolizei Baden-Württemberg dem Bundespolizeipräsidium zugewiesen - führender Teil der europäischen Friedensmission Eulex im Kosovo. Dort kommt es zwischen den Volksgruppen der Serben und Kosovaren bis heute zu Spannungen und offenen Konflikten. "Ohne die Friedensmission würden die Auseinandersetzungen wieder aufflammen", mutmaßt Freisleben im Gespräch mit unserer Zeitung.

Als Leiter der exekutiven Polizei war er Chef von etwa 1000 Polizisten aus verschiedenen europäischen Ländern. Zusammen mit Richtern, Zollbeamten und anderen im Justizwesen Tätigen sollen sie dem Land beim Aufbau von Polizei, Justiz und Verwaltung helfen. Sie haben weitreichende, von der Verwaltung des Kosovo unabhängige Befugnisse. Dass es dabei auch zu kritischen Einsätzen kam, versteht sich.

"Im Kosovo ist vieles anders als in der Bundesrepublik. So mussten wir einen Bürgermeister, der unter Korruptionsverdacht stand, in einer offenen Menge von Menschen festnehmen und inhaftieren. Der ist dann bei der Bürgermeisterwahl angetreten und hat tatsächlich eine Mehrheit bekommen", erzählt Freisleben. Um den Amtseid ablegen zu können, mussten die EU-Polizisten den Mann ins Bürgermeisteramt und dann zurück in die Zelle eskortieren. Da auf dem Balkan Clan-artige Strukturen herrschen würden, sei dies eine von vielen brenzligen Situation gewesen.

Einen Kulturschock hat Freisleben im tagtäglichen Leben in Pristina nicht erlebt. Er hat in einer 80 Quadratmeter großen Wohnung mit Garten bei sehr netten Vermietern gelebt. "In einem ruhigen Stadtviertel, in dem die Bewohner auch die Stromrechnung bezahlen. Denn in Vierteln, in denen das nicht geschieht, wird der Strom willkürlich stundenweise abgeschaltet", berichtet Freisleben von seinen Erfahrungen. Trotzdem habe er Kerzen und Taschenlampe immer griffbereit gehabt. Stromausfälle beim Skypen mit der Familie seien ärgerlich. Der Laptop habe zwar einen Akku, aber die Internetverbindung breche zusammen. In "seinem" Viertel habe er die eigenen Wohnungstüren wegen der hohen Einbruchskriminalität immer doppelt abgeschlossen. Gleichwohl habe er sich sicher gefühlt. Die Polizisten hätten in der Stadt gewohnt. Anders die Soldaten der KFOR-Mission, die wohnten in eigenen Camps, ohne direkten Kontakt zu Serben und Kosovaren.

Wenn er am Wochenende nach einem kritischen Einsatz in Pristina runterkommen wollte, dann hat er sich an den Herd gestellt. "Ich gehe gern auf den Markt einkaufen und koche auch gern."

Den Kulturschock erlebte der Bühlerzeller dann doch noch: auf diplomatischem Parkett. Beim Belgrad-Pristina-Dialog um den Status der serbischen Volksgruppe im Nordkosovo sei verhandelt und geschachert worden, wie er es nicht für möglich gehalten habe. Auch mit der damaligen EU-Außenbeauftragten Lady Catherine Ashton ist er zusammengetroffen. Im April 2013 ist der Dialog zwischen Serben und Kosovaren abgeschlossen worden. Beide Seiten sehen ihre Zukunft in der Europäischen Union und versichern, sich beim angestrebten EU-Beitritt gegenseitig keine Steine in den Weg zu leben. "Kosovo und Serbien werden in 20 Jahren vollwertige Mitglieder der EU sein", sieht Freisleben die Staaten auf einem noch langen Weg. Vor allem die Korruption müsse bekämpft werden. "Von 100 Millionen Euro für den Straßenbau versickern 30 Millionen in dunklen Kanälen. Das ist nur ein Beispiel", so seine Erfahrungen. Mit dem Sperren von Geldflüssen könne die EU den Anpassungsprozess beschleunigen, lautet sein Rat.

Zur Person vom 3. Januar 2015

Günther Freisleben Als Leiter des Polizeipräsidiums Karlsruhe hat er am 25. August 2014 seinen Dienst angetreten. Seit 2012 war Freisleben der europäischen Friedensmission Eulex (Rechtsstaatlichkeitsmission der EU) im Kosovo zugewiesen. Dort leitete er die exekutive Polizei mit 1000 Polizisten. Darüber hinaus war er stellvertretender Leiter für die Einheit der internationalen Richter und Staatsanwälte. Außerdem war Freisleben über zwei Jahre bestelltes Mitglied des Europäischen Auswärtigen Dienstes in den Verhandlungen des Pristina-Belgrad-Dialoges.

In den Jahren davor nahm er, seit 1976 bei der Polizei Baden-Württemberg, verschiedene Aufgaben und Führungsfunktionen im mittleren und gehobenen Dienst der Landespolizei wahr. 1995 wechselte Freisleben zur Polizeidirektion Schwäbisch Hall und wurde dort Leiter der Schutzpolizei. Es folgten drei Jahre im Innenministerium. Ab 2001 wurde er Leiter der Außenstelle der Akademie der Polizei in Wertheim. Von dort aus erfolgte 2004 seine erste Abordnung in einen internationalen Auslandseinsatz. 2005 war er leitender Berater im serbischen Teil der EU-Polizeimission in Bosnien-Herzegowina.

2006 übernahm Freisleben die Leitung der Haller Polizeidirektion. Er bildete sich über mehrere Jahre auf den Gebieten Wirtschaftswissenschaften, Erwachsenenbildung und Wirtschaftsrecht fort und legte jeweils einen Masterabschluss ab. Der 57-Jährige ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern.

SWP

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