Gelungene Willkommenskultur

Das Satteldorfer Bauunternehmen Leonhard Weiss hat im vergangenen Sommer beschlossen, Arbeitskräfte in Spanien anzuwerben. Die Firma investierte Geld und vor allem viel Herzblut in die Aktion.

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Teamplayer und Protagonisten einer gelungenen Aktion in der Leonhard-Weiss-Niederlassung Bad Mergentheim (von links): Sebastian Geißler, Aura Mendivelso-Dürr, Edwin Förster, Roberto Fernandez-Becerra und Thomas Etzl.  Foto: 

Der Ruf nach ausländischen Arbeitnehmern verstärkt sich heute wieder wegen des demografischen Wandels. Die Wirtschaftsregion Heilbronn-Franken hat speziell für diesen Bedarf das "Welcome Center" (WCC) ins Leben gerufen. Dieses unterstützt Firmen und ausländische Arbeitskräfte. Als das WCC Mitte des Jahres öffnete, war die Anwerbeaktion eines Unternehmens aus der Region bereits erfolgreich gelaufen.

In Bad Mergentheim trafen wir jetzt die Protagonisten: Thomas Etzl aus Markelsheim, Chef der Mergentheimer Leonhard-Weiss-Niederlassung, den dort für Controlling und Finanzen im Straßenbau verantwortlichen Sebastian Geißler aus Boxberg und Dolmetscherin Aura Mendivelso-Dürr aus Weikersheim. Zum Gespräch hinzu kamen aus dem Personalwesen der Firmenzentrale Edwin Förster, der die Aktion von Beginn an begleitete, und - direkt von der Baustelle - Roberto Fernandez-Becerra, einer jener Spanier, die seit letztem Jahr bei Weiss arbeiten.

Als vom Welcome Center noch keine Rede war, im Juli 2013, beriet der Führungskreis von Leonhard Weiss, wie dem demografischen Wandel und dem Mangel an Arbeitskräften in Deutschland zu begegnen sei. Der Blick richtete sich nach Spanien, einem Land mit hoher Arbeitslosigkeit. Hier kam Thomas Etzls Tochter Jenny ins Spiel, die in der 38 000-Einwohner-Stadt Alhaurin de la Torre seit zehn Jahren als Tourismusmanagerin arbeitet. Sie baute den Kontakt zum Bürgermeister und zum Arbeitsamt auf. "Zwei Wochen später sind wir runtergeflogen", so Etzl und Förster.

Was die beiden in Südspanien erlebten, sprengte ihre Vorstellungskraft. Ein Polizist hatte im Namen des Bürgermeisters Handzettel verteilt mit der Ankündigung, dass eine deutsche Baufirma Arbeiter sucht, Mund-zu-Mund-Propaganda tat ein Übriges: Im von der Gemeinde zur Verfügung gestellten Kultursaal drängten sich 450 Bewerber mit Bewerbungsmappen. Nicht weniger als 300 Personalgespräche führten Etzl und Förster an diesem Tag, gedolmetscht von Etzls Tochter und einer Freundin. Eine schweißtreibende Angelegenheit: "Das waren keine üblichen Vorstellungsgespräche", erklärt Edwin Förster, "es war sehr emotional." Viele der Bewerber waren, etwa durch einen Hauskauf, in die Schuldenfalle geraten, konnten wegen Arbeitslosigkeit ihre Kredite nicht mehr zahlen. So auch Roberto Fernandez-Becerra. Zwei Jahre lang war der Vater von zwei Kindern bereits ohne Arbeit, sah keine Perspektive.

Gesucht wurden Arbeiter für Straßen- und Tiefbau - "und wir wollten ihnen eine richtige Chance geben", betont Thomas Etzl: "Unbefristetes Arbeitsverhältnis, tarifliche Bezahlung, Integration in Gemeinden statt Containerunterkunft."

50 Arbeiter wurden ausgesucht, 42 sagten zu. Die Firma buchte und zahlte die Flüge nach Deutschland, holte die spanischen Arbeiter mit dem Bus vom Flughafen ab, brachte sie zu ihren Unterkünften an verschiedenen Orten in Baden-Württemberg. "Das haben wir zunächst unterschätzt", erinnert sich Sebastian Geißler. "Die neuen Mitarbeiter kamen ja nur mit einem Koffer in der Hand. Sie brauchten nicht nur eine Wohnung, sondern auch Möbel und Ausstattung. Das auf die Schnelle zu organisieren, war eine Riesenherausforderung."

Mit Wohnung und Arbeitskleidung war es natürlich nicht getan. Gänge zu Ämtern, Behörden, Krankenkasse und Banken mussten erledigt werden. Ein Dolmetscher war auch zur Einweisung auf Arbeitsgeräte gefragt. Der damals aktivierte spanische Bauingenieur - mittlerweile hat auch er eine feste Anstellung - war dafür beispielsweise an einem Tag rund 1600 Kilometer von Baustelle zu Baustelle unterwegs.

Bei der Volkshochschule war Thomas Etzl in einen Spanischkurs eingestiegen und lernte so Aura Mendivelso-Dürr kennen. Die aus Venezuela stammende Spanisch-Dozentin lebt seit 18 Jahren in Weikersheim. Thomas Etzl erkannte ihr Potenzial rasch. "Es war an der Grenze", denkt er an die Arbeit zurück, die er mit der Betreuung der Spanier zusätzlich zu leisten hatte. "Wenn etwa irgendetwas mit der Wohnung war, kamen die Leute und sagten: ,Deine Spanier. . ." So wurde aus der Dolmetscherin Aura die Betreuerin Aura - auch sie ist nun fest bei Leonhard Weiss angestellt. Seit sechs Monaten kümmert sie sich praktisch Tag und Nacht um die Anliegen der spanischen Arbeiter. Von Arztbesuch bis Kindergeld, Mülltrennung bis Wohnungssuche - "ich weiß mittlerweile über alles Bescheid", lacht Aura Mendivelso-Dürr. "Wenn das Telefon klingelt, wirds spannend." Nicht zuletzt gibt sie Kurse für die Spanier, motiviert sie nach einem Arbeitstag noch zu einer Deutschlektion.

"Temperamentvoll und arbeitsam" beschreibt Thomas Etzl die spanischen Arbeiter, die bei seiner Firma durchaus auch Aufstiegschancen hätten. "Manche sprechen zudem jetzt schon sehr gut Deutsch."

Roberto Fernandez-Becerra hatte Glück, fand für sich, seine Frau und die zwei Kinder eine Bleibe in Schäftersheim. Von einer anderen spanischen Familie in Markelsheim haben Mutter und Tochter bereits einen Job in der Gastronomie gefunden. Der Sohn besucht die Gemeinschaftsschule. Ein junger spanischer Arbeiter spielt Fußball beim FC Creglingen. Auch mit den Kollegen kommen sie bestens aus. "Wir verständigen uns mit Händen und Füßen", so Roberto Fernandez-Becerra. Von den 42 ursprünglich gekommenen Spaniern sind heute noch 31 da, die meisten im Main-Tauber-Kreis. Heimweh oder familiäre, nicht aber betriebliche Gründe veranlassten elf zur Rückreise.

Die Anwerbeaktion bewertet Edwin Förster unterm Strich sehr positiv. Peu à peu könnten weitere Arbeitskräfte aus dem Ausland gewonnen werden. Thomas Etzl: "Wir haben es jetzt mit unseren Erfahrungen leichter." 3900 Mitarbeiter hat das Unternehmen, insgesamt sei man eine "große Familie" - die nicht zuletzt stolz darauf ist, laut Focus-Ranking 2014 der beste Arbeitgeber der Branche "Bau" zu sein.

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