Geigenbauerin Claudia Ulrich aus Kirchberg baut Streichinstrumente in Handarbeit

Geigenbau: Zum Herstellen von Streichinstrumenten werden Handwerkstechniken genutzt, die bereits jahrhundertealt sind. Etwa 500 Arbeitsgänge und viele Wochen Zeit sind nötig.

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  • Geigenbauerin Claudia Ulrich bei der Arbeit. 1/5
    Geigenbauerin Claudia Ulrich bei der Arbeit. Foto: 
  • Jedes Instrument hat seinen eigenen Klang und Charakter. Die Geigen, die Claudia Ulrich selbst gebaut hat, erkennt sie wieder. Fotos: Christine Hofmann 2/5
    Jedes Instrument hat seinen eigenen Klang und Charakter. Die Geigen, die Claudia Ulrich selbst gebaut hat, erkennt sie wieder. Fotos: Christine Hofmann Foto: 
  • In ihrer Werkstatt in Kirchberg an der Jagst baut sie neue und restauriert alte Streichinstrumente. 3/5
    In ihrer Werkstatt in Kirchberg an der Jagst baut sie neue und restauriert alte Streichinstrumente. Foto: 
  • Vom Tonholz (vorne) bis zum fertigen Korpus sind es viele Arbeitsschritte. 4/5
    Vom Tonholz (vorne) bis zum fertigen Korpus sind es viele Arbeitsschritte. Foto: 
  • Blick in die Kirchberger Geigenbauwerkstatt: Notenblatt und Spezialwerkzeuge – beides wird benötigt. 5/5
    Blick in die Kirchberger Geigenbauwerkstatt: Notenblatt und Spezialwerkzeuge – beides wird benötigt. Foto: 
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Zeitdruck und Hektik haben in der Werkstatt von Claudia Ulrich nichts zu suchen. Sobald die 47-Jährige die Tür schließt und nur noch von Holz und Werkzeugen, von Rohlingen und fertigen Instrumenten umgeben ist, lässt sie alles hinter sich und ist ganz bei ihrem Beruf. Konzentriert hobelt sie und schleift, sie sägt, leimt und lackiert.

Die Geigenbauerin restauriert, repariert und baut Geigen, Bratschen und Violoncelli. Sie macht alte Streichinstrumente spielfertig und richtet Instrumente klanglich ein. Bei dieser Arbeit braucht sie Ruhe, Fingerfertigkeit und eine Menge handwerkliches Können und Geschick. Denn Claudia Ulrich baut Geigen in klassischer Handarbeit. Dafür benötigt sie eine Menge Erfahrung. Denn bei welcher Wandstärke der beste Klang entsteht, das steht in keinem Lehrbuch. So etwas muss die Geigenbauerin im Gefühl haben – und auch ein wenig im Gehör, denn das Klopfen des Bodens verrät ihr schon während des Schaffensprozesses, ob das Instrument später gut klingen wird.

Eine Geige zu bauen, braucht Zeit. Vier bis sechs Wochen dauert es, bis das Instrument im Rohzustand fertig ist. Dann folgen mehrere Lackiervorgänge und Trocknungsphasen, die weitere Wochen Zeit in Anspruch nehmen. Wenn am Anfang das unbehandelte Tonholz und die Leisten auf der Werkbank liegen, braucht der Laie viel Fantasie, um sich das Streichinstrument vorzustellen, das aus diesen Materialien entstehen wird. „Das Holz ist die Grundlage. Da muss alles stimmen, damit das Instrument am Ende gut klingt: Das richtige Holz, in der richtigen Lage gewachsen, am richtigen Tag gefällt – am besten an Heiligabend – und außerdem gut abgelagert“, erklärt Claudia Ulrich. Das Tonholz, aus dem Geigen gebaut werden, wurde schon vor Jahrzehnten geschlagen.

Fingerspitzengefühl ist gefragt

Die Geigenbauerin beginnt damit, Holzklötzchen auf dem Formbrett zu befestigen. Zwischen diesen Klötzchen werden dünne Holzleisten in Form gebracht und befestigt. Dieser Zargenkranz verbindet später den Boden und die Decke des Violinkörpers. Als Nächstes werden Boden- und Deckenplatte grob ausgesägt. Mit dem Stemmeisen arbeitet Claudia Ulrich die Wölbung heraus – zuerst außen, dann an der Innenseite. Das geschieht nach Augenmaß. „Diese Arbeit verlangt Fingerspitzengefühl“, sagt die 47-Jährige, „wenn man an einer Stelle zu viel Holz wegnimmt und die Wand zu dünn wird, war die ganze Mühe umsonst.“ Die letzte Schicht bearbeitet sie mit einem Hobel in Miniaturformat, der gut in eine Puppenstube passen würde.

Ist der Adergraben ausgehoben und mit einer Einlage versehen, sägt die Geigenbauerin die F-Löcher aus und bringt sie in Form. Nun hat das zukünftige Instrument schon ein Gesicht bekommen. Innen leimt Claudia Ulrich den Bassbalken ein. Schließlich setzt sie den fertigen Boden und die Decke ein, und der Korpus ist fertig. Nun geht es ans Schneckenschnitzen. „Es ist nicht leicht, der Schnecke eine ästhetische Form zu geben. Aber trotzdem ist es eine meiner Lieblingsarbeiten“, erklärt die Kirchbergerin. Ist auch der Hals fertig geschnitzt, befestigt ihn Claudia Ulrich am Körper der Violine.

Ein wichtiger Arbeitsschritt ist das Einsetzen der sogenannten Stimme. Das unscheinbare Holzstäbchen verbindet im Inneren des Korpus die Decke und den Boden des Instruments. Ulrich: „Die Stimme sorgt für Stabilität und bringt die Geige zum Klingen. Man sieht sie gar nicht, aber man würde es hören, wenn sie fehlte.“ Einer der letzten Arbeitsschritte vor dem Lackieren ist das Aussägen der Wirbellöcher. Erst ganz am Schluss werden das Griffbrett, Ober- und Untersattel, Steg und Wirbel eingepasst.

"Je länger ein Instrument gespielt wird, desto besser wird sein Klang“

Wenn Claudia Ulrich die Saiten aufzieht, ist das ein großer Augenblick. Die Geigenbauerin ist die Erste, die auf der neuen Geige spielt. „Den ersten Ton zu hören, das ist wirklich ein besonderer Moment“, sagt sie. Doch zu viel dürfe man von diesem ersten Spiel nicht erwarten. „Direkt nach dem Aufziehen der Saiten hat ein Instrument noch nicht seinen besten Klang. Nach einigen Tagen wird der Klang besser. Im Laufe der Monate und Jahre verändert er sich. Man kann sagen: Je länger ein Instrument gespielt wird, desto besser wird sein Klang“, weiß die Expertin. Eine Geige, die sie selbst gebaut hat, würde Claudia Ulrich stets wiedererkennen. „Jedes Instrument hat seinen eigenen Klang und seinen eigenen Charakter. Das ist unverkennbar“, sagt Ulrich. Weil sie den Klang, aber auch die Form der Streichinstrumente so liebt, entschloss sie sich schon früh, Geigenbauerin zu werden. „Als Jugendliche spielte ich leidenschaftlich Cello. Ich habe immer gern geübt und wollte das Instrument auch nach dem Üben nicht aus den Händen legen“, erzählt die zweifache Mutter, die in der Neckarregion aufgewachsen ist. Nach dem Abitur in Michelbach/Bilz besuchte sie ein Jahr lang eine Geigenbauschule im englischen Newark, bevor sie ihre Lehrstelle in einer Meisterwerkstatt in Dörrenzimmern antrat. „In England habe ich meine erste Geige gebaut“, berichtet Claudia Ulrich.

Nach der Lehrzeit ging die Gesellin in verschiedenen Ländern Europas auf Stellensuche, denn Geigenbauwerkstätten sind rar. Ulrich arbeitete in Oldenburg, Basel und Wiesbaden und kehrte in den 1990er-Jahren in die Region Hohenlohe zurück. Einige Jahre arbeitete sie in der Werkstatt ihres Mannes in Dörrenzimmern mit. Vor sechs Jahren zog Claudia Ulrich nach Kirchberg an der Jagst. In ihrem Haus mit Blick auf das Schloss richtete sie sich eine Werkstatt ein. Mit viel Geduld und Hingabe kümmert sie sich um Streichinstrumente. Manchmal sind es Schönheitsreparaturen und manchmal aufwendige Restaurierungen. Doch am liebsten nimmt sie sich richtig viel Zeit, um ein neues Instrument zu bauen.

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